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In 80 Töpfen um die Welt
Von Max Christian Graeff und Ina Lessing
Gleich zum Rezept
Wie hatte all das begonnen? Vorgestern, am 2. Oktober, um 11.29 Uhr morgens klingelte das Telefon - auf die Minute genau 128 Jahre nach der Einstellung des Kammerdieners Jean Passepartout in die Dienste des Phileas Fogg Esq. Der war eines der seltsamsten und zugleich prominentesten Mitglieder des Reform-Clubs von London. Ein Anruf, nicht aus der Vergangenheit (das Telefon war damals, oh herrliche Zeiten, noch nicht entdeckt), sondern aus verzweifelter Gegenwart: Theodor W. Schärer, Präsident der itab, International Trend Art Bank of Lucerne, meldete sich mit splitternder Stimme. Es dauerte eine Weile, bis ich zu begreifen begann, worum es ging. Die itab, ein weltweit tätiges Konsortium einflussreicher Finanzinstitute, hatte mir die Aufgabe der zentralen Revision übertragen - ein von Grund auf zweckloses Unterfangen, das mich deshalb bisher auch nicht weiter belastet hatte. Doch mit der Ruhe schien es nun vorbei zu sein. Am kommenden Wochenende stand die Generalversammlung aller Direktoriumsmitglieder ins Haus. Etwa 350 hoch bezahlte Nichtsnutze, Lumpen und Taugenichtse aus aller Welt waren nach Wuppertal eingeladen, in die kleine Stadt am schwärzesten Fluss unseres Planeten. Von dort aus sollten sie die globalen wirtschaftlichen Zeitläufte der kommenden Jahre entscheidend zu beeinflussen versuchen. Verköstigt werden sollten sie so einfach wie erlesen. Und, kaum wollte ich glauben, was unser Präsident mir stockend berichtete: Die einzigartige Sammlung sämtlicher (ungelogen: sämtlicher) Ölsardinensorten aller Herren Länder, etwa 3 500 Dosen - denn vorgesehen war eine Degustation von zehn ausgelosten Sorten pro Person -, war drei Tage zuvor auf unerklärliche Weise aus dem Schalterraum unseres Hauptkassierers in der Luzerner Zentrale, Zürichstrasse 1, erster Stock, verschwunden. Auf die Stunde genau 128 Jahre nach dem mysteriösen Diebstahl jener 55 000 Pfund Sterling aus der Bank of England. Auf die Stunde genau 128 Jahre nach dem Coup, der von Phileas Fogg im Londoner Reform-Club so heftig wie folgenreich diskutiert worden war - eine weitere, zugegebenermaßen nicht unbedenkliche Übereinstimmung der nackten Wahrheit mit Jules Vernes zur Legende gewordenen Fiktion. Die Milch soll mir anbrennen bis ans Ende meiner Tage, wenn nicht alles genau so geschah, wie es hier geschrieben steht. Mit der Erzählung von der 'Reise um die Erde in 80 Tagen' des ehrwürdigen Visionärs und Romanciers hat dieser Bericht nur am Rande zu tun, auch wenn einige kleine Begebenheiten das Gegenteil belegen. Was also war zu tun? Die Sicherheitsabteilung hatte unverzüglich die nötigen Schritte zur Rückgewinnung des kostbaren Gutes eingeleitet. Doch die bankeigenen Terminatoren waren selbstverständlich mit dem Detektiv Fix des Romans nicht im Geringsten zu vergleichen. Wie sollten wir nun die aus aller Welt herbeigereiste ausgehungerte Direktorenmeute einigermaßen zufrieden stellen? Die verwöhnten Herren Kollegen forderten von uns nicht nur Exklusivität und Variantenreichtum, sondern auch eine moderate, eben branchenübliche Überreizung ihrer rein quantitativen Aufnahmekapazitäten. Direktor Schärer und ich überlegten kreuz und quer sämtliche Möglichkeiten, entwarfen telefonbuchstarke Wildmenükarten und landebahnlange Salatbuffets, alpenseetiefe Consommébrunnen und doppelhaushälftengroße Dessertgebäude, doch selbst für unser bestens organisiertes Institut zeigten sich schnell die Grenzen des Machbaren. Schließlich landeten wir im provokant-erlebnisorientierten Trendfoodsektor, bei Cremes, Pasten und Tütensuppen. Spontan zitierte ich eine bestechend formulierte Botschaft aus einer vorjährigen Pressemeldung des Deutschen Suppeninstituts: "Der klassische Luxuskonsum ist einer subtileren Form der Exklusivität gewichen: Die Suppe erfüllt den Anspruch einer 'neuen Bodenständigkeit'. Die Suppe verkörpert perfekt den Zeitgeist einer komplexen, globalisierten Multioptionsgesellschaft. Sie ist kulinarisches Abbild einer immer undurchschaubareren, aber dennoch in ihrem Gesamtbild faszinierenden Welt." Schweigen am anderen Ende der Leitung. "Theo?" Stille. "Nun sag doch was ..." "Ihr Deutschen ..." "Ja bitte?" "Ihr wart schon immer ganz schön pervers!" Ehe wir uns versahen, steckten wir bis über die Köpfe in einem Disput, der lange vernarbt geglaubte Wunden wieder aufriss. Folglich begann der Dialog auch auf der Stelle ins Irrationale zu gleiten: "Soso. Und eure selbstmitleidige Brösmeliplörre, ist die denn besser? Zwei Löffel Paniermehl in drei Liter Wasser einstreuen, jodeln, salzen und ran an den Feind - da waren ja die Spartaner mit ihrer Blutsuppe besser bedient!" So kamen wir nicht weiter, das merkten wir rasch. Die ernährungssoziologischen Problemzonen unserer Länder schienen gleichermaßen reichlich vorhanden zu sein. Eine Weile fochten wir noch um Sonntagsritualbreie und Kurze-Arbeitspausen-Zweckmahlzeiten, um Gulaschkanonen und Henkelmänner und um die Auslegung der in einem Topf zubereiteten Massenspeisungen als Ausdruck von Heim und Herd, Hof und Scholle, von Vergangenheitsbeschwörung oder Zukunftsverheißung. Wir hatten uns so heiß geredet, dass wir nicht merkten, dass die Lösung unseres Problems längst vor uns lag. Im gesamten Einflussbereich der modernen Welt mit ihren Nouvelles Cuisines und Produktpaletten knuspriger Functional-Food-Single-Snacks schien das Kochen einer kompletten Mahlzeit in einem einzigen Topf unter vergleichbaren Vorurteilen zu leiden: Ehemals effektiver Proteinlieferant und Rettungsanker für kalte Tage, soziales Bindeglied und Allheilmittel für eine Vielzahl persönlicher wie gesellschaftlicher Sorgen, erfuhr der Eintopf eine ungerechtfertigte Politisierung und danach die dünkelhafte Verurteilung als Ausdruck von Mangelernährung und geschmacklicher Unterentwicklung. Aber was für ein internationaleres, aufregenderes und letztendlich auch politisch korrekteres Mahl konnten wir finden, wenn nicht ihn? Und während Theodor in seiner ganzen direktoralen Erfahrung noch eine gewisse Skepsis walten ließ, wagte ich mich leichtfertig vor. "Der mittlere Familientopf fasst etwa das Volumen, das vier bis fünf unserer nimmersatten Gäste mit Leichtigkeit verschlingen werden. Wir brauchen also eine Gesamtmenge von 80 Einheiten. Natürlich verschiedene, was wir der Internationalität unseres Institutes schuldig sind. Bei einer durchschnittlichen Zubereitungszeit von eineinhalb Stunden brauchen wir zu zweit unter Berücksichtigung der obligaten Nebenarbeiten etwa vier Tage und drei Nächte. Ich würde meinen Topf darauf verwetten, dass das zu machen ist." Aus dem Hörer kam meines Direktors glockenhelles Lachen, was mich jedoch nicht mehr sonderlich beirren konnte: "Eine Reise um die Welt in 80 Töpfen. Gekocht auf jeweils einer Flamme oder im Ofen in einem Behälter, dessen Deckel gegebenenfalls mitbenutzt werden darf." "Das kannst du dir aus dem Topf schlagen. Das schaffst du nie. Ich setze vier Gebinde Surströmming vom vorvergangenen Jahr." "Ich halte dagegen, mit 20 Pfund Dorschleber vom feinsten." "Topf, die Wette gilt!" Es war 20.45 Uhr, auf die Sekunde genau 128 Jahre nachdem ein Zug der South-Eastern Railways den Bahnhof Charing Cross Richtung Dover verließ.
Nun werden Sie sich vielleicht etwas wundern, warum unsere Generalversammlung ausgerechnet in Wuppertal stattfinden soll. Diesem merkwürdigen, vollkommen unverständlichen Stadtgewächs in der regenreichsten Region des Landes. Die Verklumpung eines knappen Dutzends nicht unbedeutender Kleinstädte zu einer unbedeutenden Nicht-Kleinstadt stellt alles andere als ein internationales Offshore-Zentrum dar und steht höchstens noch für ein schnell rostendes und nur noch schwer zu versicherndes Nahverkehrsmittel, die Schwebebahn, sowie für die Erfindungen des Aspirins, des Heroins und des Lumbeck-Verfahrens, der Buch-Klebebindung, von deren globaler Bedeutung der Buchbinder Emil Lumbeck nichts ahnen konnte, als ihm in seiner kleinen Werkstatt einst das Knochenleimgebinde umkippte und sich über die Auflage des ersten gemeinsamen 'Elberfeld-Barmer-Kleinsektenführers' ergoss. Doch das war für unsere Entscheidung ohne Belang; eher ging es um die Herausforderung, den Beweis führen zu können, dass, wenn die Welt zum Dorf geworden ist, ein Dorf zur Welt werden kann. Die Wolken hingen auf Bordsteinhöhe - ein auch im London des 19. Jahrhunderts schon lange recht bekanntes Phänomen -, als ich am Tag danach, am 3. Oktober, meiner alten Küchenfreundin Ina von dem Stand der Dinge berichtete. Ihr liefen unverzüglich alle Kochplatten heiß angesichts der kaum lösbaren Aufgabe. Zur gleichen Zeit wurde im Luzerner Vorort Kriens, im Konferenzsaal des renommierten Hotels Harmonie, der Krisenstab unserer zentralen Verwaltung zusammen- und eine Standleitung in meine Barmer Ersatzküche hergestellt. Genau 24 Stunden Zeit hatten wir für die Ausarbeitung unseres Plans.
Die gute Ina begann sogleich mit der Inspektion meines Haushalts. Ihre Augen glitten an den Regalbrettern entlang, zuckten, verdrehten sich und stolperten über all jene Unentbehrlichkeiten, die sich dort angesammelt hatten, glitten aus auf dem ausgelaufenen Ahornsirup im zweiten Stock und schlurften durch den Staub gewisser lange nicht in Anspruch genommener dunkler Winkel. Sie stöhnte leise. "Zeige mir deine Töpfe und ich sage dir, wer du bist!" "Okay, vergessen wir's." Diese drei lakonisch-magischen Worte trafen ins Schwarze. Nicht mehr das Volumen meiner Wette schien sie fortan besonders herauszufordern, sondern vielmehr die rudimentären Bedingungen, die in meiner Cowboyküche herrschten. Shakespeares 'King Lear' schien ihr gerade angemessen dafür zu sein: "Sprecht nicht, was nötig ist; der schlecht'ste Bettler hat noch ein ärmstes Ding zum Überfluss. Gebt der Natur nur, was sie braucht, so sind sich Tier- und Menschenleben gleich ... - Oh, Pichelsteiner!" Zielstrebig griff sie zu der ältesten Dose im Regal, zu meiner eisernsten Ration. Die Herstellerfirma dieses klassischen Problemmüll-Entsorgungsgerichtes war bereits vor Jahren von der Staatsanwaltschaft liquidiert worden. "Über den Pichelsteiner wird fast so etwas wie ein Gelehrtenstreit geführt", begann sie zu referieren. "Vor seiner flächendeckenden Einführung galt er als Berliner Spezialität. Etymologisch dürfte er hingegen auf das bayrische Büchelstein zurückzuführen sein. Für seine urbane Entwicklung spricht hingegen die gemischte Verwendung von Rind, Schwein und Hammel, manchmal auch Kalb, da sich die Variationen jener Tiere in ländlichen Regionen Deutschlands seltener durchzusetzen vermochten." "Aha ..."
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