Ich gab meinem Leibdiener zu verstehen, daß er mich wieder zurück in meine Suite bringen möge, da ich allein zu sein gedachte. Ich wollte mein Buch zu Ende bringen. Und da hier kein Schreibcomputer aufzutreiben war, schrieb ich mühsam mit meinem teilgelähmten rechten Arm auf ein Blatt Papier.
Was hatte mein Leben letztendlich zum Gesamtkunstwerk gemacht? Es schien mir gelungen, die Dichotomie des Banalen zu überwinden. Jene schlichte Trennung zwischen gut und böse, Mann und Frau, Geist und Körper, aktiv und passiv. Ich hatte entdeckt, daß es noch etwas Übergeordnetes gab, das diese lächerliche, platonische Unterscheidung überwinden half.
Liebe, Lust und Leiden bildeten jene heilige Dreifaltigkeit, die mich meinem Ziel immer näher hatte kommen lassen.
Es war nicht jene banale Liebe, von der in Lore-Romanen die Rede ist. Es war die loslassende Liebe. Jene Liebe der Hauptdarstellerin in "Harold and Maude", die auf Harolds Bekenntnis, daß er Maude liebe, sagte: "Das ist wunderschön. Geh hin und lieb noch viele andere." Nicht die besitzergreifende Liebe, sondern die loslassende. War ich in meinem Leiden zum Messias geworden?
Auch die Lust war eine andere, als sie in Pornofilmen den Voyeuren vorgegaukelt wird. Al Parker als Gundel Gaukelei. Ich begann, Lust nicht mehr mit dem Olympia entlehnten Motto des "Schneller, höher, kräftiger" zu definieren, sondern in Begriffen wie "Langsamer, tiefer, intensiver".
Die Rolle von Mann und Frau wurde abgelegt. Indem ich mich öffnete, drang ich ein. Indem ich eindrang, öffnete ich mich. Schwuler Sex als Überwindung der männlichen und weiblichen Prinzipien? Liegt im Haschisch Wahrheit? Im Fickenlassen die Klarheit? Das Leben ein einziger Faustfick?

Leiden zu lernen war am schwersten gewesen. Ich hatte vor Schmerzen immer Angst gehabt. Hatte mich mit einer dicken Schicht der Schmerzabwehr umgeben. Jetzt, da ich ganz dünn war, drangen die Infusionsnadeln ganz leicht in die Haut. Sie taten gar nicht mehr weh.
Ja, im Gegenteil, sie taten gut. Der befürchtete Schmerz war zur Lust geworden. Ich fühlte mich glücklich. Warum habe ich mich denn so lange dagegen gewehrt? Warum hatte ich denn immer der Stärkere sein wollen? Warum hatte ich mich vor Schwäche gefürchtet?
Jetzt, wo ich hilflos im Bett lag, war ich stark. Ich hatte genug Stärke, um davon abgeben zu können.
Ich wollte sie meinen Erben, die um mein Bett versammelt waren, als Vermächtnis geben. Ich hatte ja mein Buch im Nachttisch. Oder jedenfalls das letzte Drittel, das ich mit meinem halbgelähmten Arm geschrieben hatte. Das war mein Testament, in dem ich meine Erben mit meinen wertvollsten Gütern, die ich besaß, meiner Stärke und meinem Glauben an mich, bedachte. Hoffentlich würden sie das Erbe gut anlegen und nicht verschleudern.

Uwe, Charly und Jessica aus der AIDS-Hilfe waren um mein Bett versammelt. Uwe und ich hatten während meiner Zeit in der AIDS-Hilfe die gleiche Mätresse beschlafen. Wir hatten sie beide geliebt, ohne aufeinander eifersüchtig zu sein. Die Sprache war unsere gemeinsame Geliebte gewesen, die wir voller Lust gebrauchten, ohne sie zu mißbrauchen. Mit der wir ein Verhältnis gehabt hatten, ohne sie vollkommen zu beherrschen. Jetzt schaute er seinen Nebenbuhler, dem er ohne Konkurrenzdenken die Geliebte an seinen freien Tage zur Verfügung gestellt hatte, verständnisvoll an. Wir waren uns über die gemeinsame Geliebte näher gekommen.
Charly hatte ich in meiner Endphase als ein Kind erlebt, das meine kindlichen - nicht kindischen - Spiele am besten nachvollziehen konnte. Er schaute mich jetzt mit feuchten Augen an, und ich hätte ihn so gerne mit einem Stück Fleischwurst getröstet.
Jessica, die während der Zeit, in der ich meinem Freund, dem Computer, von meinem Leben erzählte, mitgelitten hatte und die mir während meiner Schwangerschaft als gute Freundin zur Seite gestanden hatte, hielt meine Hand. Wollte sie bei der bevorstehenden Geburt die Rolle der Hebamme, der Wehmutter, einnehmen? Es war ein Bild der Idylle.

Der Meister kam in den Raum. Er hatte Ähnlichkeit mit Reinhold. Ich wunderte mich, daß er kein schwarzes Leder trug. In seinem weißen Kittel sah er eher aus wie ein Schlachtermeister. Welches Schwein er jetzt wohl schlachten wollte?
Er fragte mich, ob er mir eine Droge geben könne. Sie werde mir bei dem, was mir bevorstehe, so manches erleichtern. Ich konnte nicht mehr sprechen. Mein Mund war wie geknebelt. Ich konnte nur grunzende Laute der Zustimmung geben. Schweine müssen stumm sein. Nackt war ich schon.

Er befeuchtete die Stelle, wo er jetzt gleich zuzustechen gedachte. Bloß nicht verkrampfen, sagte ich mir. Sonst tut es weh. Er führte einen Finger ein. Es tat nicht weh. Er nickte seinem Assistenten zu. Er gab ihm das Zeichen, daß jetzt die größte Nummer aller Zeiten beginnen könne.
Der Assistent füllte die Droge aus einer kleinen Flasche um. Was für eine Droge das wohl war? Ein Betäubungsmittel, das man Schweinen vor dem Schlachten verabreicht, damit sie gelassener werden?
Die Heiligen Drei Könige verließen den Raum. Sie wollten mich bei der bevorstehenden Nummer mit dem Meister nicht stören. Der Meister legte mir allerlei Spielzeuge an. Es tropfte. Es tropfte immer mehr. Aus dem Tropfen wurde ein Strahl, der sich wohlig warm in meinen Körper ergoß. Ich trank ihn wie Muttermilch. Ich saugte an der Kanüle. Ich wurde gieriger. Ich wollte immer mehr. Der Meister gab es mir, nachdem er sich vorher insgeheim mit seinem Assistenten verabredet hatte. Wollten sie mich jetzt fertig machen? Das Schwein sollte geschlachtet werden. Die Droge hatte das Schwein willfährig gemacht. Der Assistent machte sich daran, es auszunehmen. Das Schwein war noch lebendig, aber es fühlte keinen Schmerz. Es grunzte zufrieden. Schweine müssen geschlachtet werden. Dazu sind sie geboren. Das Schwein ergab sich willig in sein Schicksal. Das Schwein war mit Ketten an die Gitter seines Pferches gekettet. Damit es seine Gliedmaßen nicht mehr bewegen konnte. Es genoß die Betäubung immer mehr.
Der Meister peitschte auf das Schwein ein. Die Schläge ließen das Blut pulsieren. Sie wärmten den Körper innerlich. Die Schläge prasselten wie Regentropfen auf ein Blechdach.
Mein Gott, ist das schön.
Mit jedem Peitschenhieb komme ich meinem Ziel näher. Ich habe den Schmerz überwunden. Ich bin der Herr des Schmerzes geworden. Ich denke an Alar. Ich denke an Bertram. Ich denke an den Meister. Alle drei Personen sind jetzt zu einer einzigen Person geworden. Sie sind für mich zu Gott vereint. Ein Gott, der mir zur Lust geschaffen wurde. In der Vereinigung dieser drei Prinzipien liegt die Lösung. Ich lasse los. Ich entspanne mich. Nur die Verkrampfung hatte mir Schmerz bereitet. Das Nichtloslassenkönnen.
Es war, als wäre ich auf dem Gipfel eines Berges gestolpert und hätte mich mit einer Hand verzweifelt an einen spitzen Felsbrocken geklammert. Der Stein schnitt schmerzhaft in meine Handfläche. Unter mir waren 500 Meter Abgrund. Über mir ein halber Meter zum Gipfel. Auf dem Gipfel stand der Meister. Sein Assistent spendete mir noch eine Zusatzportion Glück.
Das Sakrament der letzten Dröhnung. Ich ließ los. Ich ließ mich ganz fallen. Ich schwebte. Millionen kleiner Sendboten flogen zu den Gehirnzellen, um sie zu streicheln. Ich wurde millionenfach gestreichelt. Die Summe der Gefühle, die ich beim Streicheln empfand, vereinigten sich zu einer Gesamtheit des Gefühls, ich zu sein. Ich hatte mein Ich entdeckt - in diesem Netzwerk von Milliarden Neuronen. Ich hatte das Glück geschaut, ja, ich hatte es gefunden. Ich, der Messias der AIDS-Kranken, das Licht der Schwulen, der Prinz der Eltern, ich hatte diese drei Bestandteile miteinander verknüpft. Ich ward Ich. Ich ward Gott. Gott ward Ich. Ich bin Gott!

Gott ist tot.

"Er ist jetzt tot", sagte Schwester Anita zu den drei bleichen Besuchern. "Sie können noch einmal hineingehen, bevor wir die Formalitäten erledigen müssen." Die drei Besucher betrachteten das im Bett liegende Insekt. Napoleon sah aus wie eine ausgesaugte Biene. Der übergroße Kopf hing an einem ausgemergelten Körperchen, der voller violetter Streifen war. Er wirkte insgesamt wie ein umgedrehtes Ausrufezeichen. Das Gesicht war eingefallen und bläulich eingefärbt. Eines der Augen war geschlossen. Das andere war halbgeöffnet in der Augenhöhle vergraben. Die Pupille starrte zur Decke.
Die drei Besucher wandten sich ab, um wieder ihrer Arbeit in der AIDS-Hilfe nachzugehen.
Schwester Anita räumte den Nachttisch auf. Inmitten des vielen Gerümpels entdeckte sie sechs Blatt Papier im Din-A5-Format, die in zittriger, fast unleserlicher Schrift beschrieben waren. Sie entzifferte mühsam:

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