"Eines der besten und wichtigsten schwulen Bücher
der deutschsprachigen Literatur." Thomas Held, Gay Express




Napoleon Seyfarth: Schweine müssen nackt sein


Heute ist der 14. Februar 1991
Heute bin ich in ein Einzelzimmer verlegt worden. Also hat man jetzt endlich zur Kenntnis genommen, daß ich ein großer Dichter bin. Wahrscheinlich haben sie in dem Manuskript gelesen, das ich in meinem Nachttischschrank verwahrt habe. Das Manuskript, an dem ich 37 Tage gearbeitet habe und das mein ganzer Stolz ist.
37 Tage, die wie im Fluge vergangen sind.
Wann hatte ich zu schreiben begonnen? Ach ja, Heiligabend. Als meine Stimme weggeblieben war. Ich hatte mich völlig hilflos gefühlt. Ich sah die Weihnachtsfeierer um mich herum, wie sie Sekt tranken und das kalte Büffet verschlangen. Hier wurde gefeiert, und daheim im Krankenhaus starben die Leut'. Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet, und jetzt war ich zu kaputt, um mitfeiern zu können. Eine ungeheure Wut kam in mir hoch. Ich wäre am liebsten auf das Fensterbrett gestiegen, hätte in die Runde gerufen: "Leckt mich doch alle am Arsch" und wäre aus dem vierten Stock gesprungen.
Aber was hätte das geändert? Die Leute wären für 20 Minuten tief betroffen gewesen und hätten danach ein wenig stiller und besinnlicher weiter dort gesessen, wo sie saßen. Ich konnte ihnen ja auch nicht ihre Fröhlichkeit vorwerfen. Ja, ich konnte ihnen nicht mal vorwerfen, daß sie stumpf waren. Daß sie sich alle auf der Ebene der wüsten Banalität bewegten. So wie ich anfangs an der schwulen Ur-Einsamkeit gelitten hatte, die mich glauben ließ, das einzige Exemplar der Gattung "Homo homosexualis" zu sein, so hatte ich später geglaubt, das einzige Exemplar der Gattung "Homo metacognitans" zu sein. Und ich hätte doch gerne jemanden gehabt, der die Welt von der gleichen Warte sieht wie ich, der mir zur Seite steht, wenn ich die Welt von oben betrachte. Ein Bruder, der mit mir zusammen die Welt verachtet.
Einen solchen Bruder hatte ich geglaubt, in Thomas gefunden zu haben. Es hatte ihn mir liebenswert gemacht, daß ich mich mit ihm über Camus unterhalten konnte. Er müßte mich doch als einziger verstehen, hatte ich an dem Weihnachtsabend geglaubt. Ich versuchte, mich ihm mitzuteilen. Ihn an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Er verstand mich nicht. Meine Stimme war zu heiser. Ich ahnte, daß ich nie mehr würde sprechen können. Die schlimmste Folter, die ich mir hatte vorstellen können.
War doch mein Mund mein Zentralorgan gewesen, mein Leben eine einzige orale Phase. Die Sprachlosigkeit war eine Behinderung, die ich mir schlimmer als die Blindheit vorgestellt hatte. Denn Blindheit stärkt die Phantasie. Man kann sich die Welt so zurechtsehen, wie man sie haben möchte. Aber Sprachlosigkeit? Sich nicht mehr mitteilen können? Da hätte ich ja gleich Schluß machen können, gleich aus dem Fenster springen können. Aber halt, ich war ja nicht sprachlos. Ich konnte nur nicht sprechen. Die Sprache hatte ich behalten. Nur mein Sprechzentrum war zerstört, nicht mein Sprachzentrum.
So begann ich am nächsten Tag in der AIDS-Hilfe zu schreiben. Ich schrieb zehn Stunden täglich. Ich schrieb wie ein Wahnsinniger. Ich wusch mich nicht mehr. Ich rasierte mich nicht mehr. Ich aß nicht mehr. Ich lebte nur noch von Kaffee und Zigaretten. Ich inhalierte mein ganzes Leben. Ich ließ den Rauch auf mein Gehirn wirken, das den Teer und das Nikotin aufnahm und das Kohlenmonoxid wieder ausstieß.
Je stummer ich wurde, um so besessener schrieb ich. Ich wurde von einer inneren Peitsche angetrieben, die mich immer weiter trieb. Ich war mein eigener Meister. Ich schlug auf mich selbst ein, indem ich meine Erinnerungen in die Tastatur des Computers schlug.
Ich schrieb immer schneller im Wettlauf mit meiner Zeit. Ich ging immer stärker mit mir selbst ins Gericht. Ich drang immer tiefer in mich ein. Ich nahm die Außenwelt nicht mehr wahr. Ich fürchtete die Banalität der Bürogespräche um mich herum. Ich wollte mich von der Banalität nicht umbringen lassen. Merkt ihr denn nicht, daß ich, indem ich von meinem Leben schreibe, um mein Leben schreibe? Warum seid ihr bloß so stumpf? Warum sind euch die Zahlen des letzten Jahresberichts, die ihr ausgerechnet jetzt in den Computer eingeben wollt, wichtiger als mein Lebensbericht? Was regt ihr euch über meine schlampige Kleidung auf? Seht ihr denn nicht, daß sich hinter dem Penner ein Prinz verbirgt, ein Dichter, ein schwuler Goethe? Goethe schrieb den "Faust". Ich schreibe mit der Faust.
Mein Leben bestand fortan nur noch aus Schreiben und Schwulenszene. Ich schaute die Brüder und Schwestern im Herrn, der den Namen Alkohol hatte, mit anderen Augen an. Sie waren doch alle Kinder. Sie spielten ihre Spielchen und schlossen die Augen vor der Gefahr. Ab und zu brach der große Wolf zwar in die Herde der spielenden Geißlein ein und riß eines von ihnen. Das Spiel ging weiter. Die fehlenden Geißlein wurden durch andere ersetzt. Wer gab mir das Recht, wie eine böse Ziege in dieses Spiel einzugreifen? Den Wolf zu töten hätte ich ja ohnehin nicht vermocht. Ich hätte die Geislein nur geängstigt, und sie wären vom Wolf gerissen worden, ohne vorher gespielt zu haben. Wenn man sich nicht mehr wehren kann, sollte man es genießen. Ich war entschlossen, stellvertretend für sie in den Tod zu gehen. Ich wollte die Sünden ihrer Banalität auf meine Schultern nehmen. Ich vergab ihnen, denn sie wußten nicht, was sie taten. Ich wollte ihnen Gelassenheit vorleben. Wollte vorangehen im Tod, um ihnen zu zeigen, daß sie keine Angst davor zu haben brauchten. Ich, der heimliche Prinz des Lebens, wollte mich vom Meister Tod herannehmen lassen. Wollte erster Sklave sein, um die anderen Sklaven, die unweigerlich zu folgen hatten, durchs Zuschauen aufzugeilen, so daß auch sie bereitwillig und froh den Ewigen Sling bestiegen.

Im Loslassenkönnen und in der Öffnung liegt die Lust. Im Tod liegt das Leben. In der Niederlage der Sieg.
Am 16. Januar hatte ich fast zwei Drittel des Buches fertig. Ich ging ins "Tom's". Es war wie immer. Das Bier floß. Die Schwulen standen herum und schauten Pornos an. Um zwei Uhr früh wurden die Filme gestoppt, und Sabine Christiansen nahm den Platz von Pornostar Al Parker ein.
Die S/M-Nummer, die vorher zu sehen gewesen war, wurde durch etwas Aufregenderes ersetzt. Die Tagesschausprecherin meldete, daß der Krieg begonnen habe. Ein Krieg irgendwo am Golf, ganz weit weg. So weit weg wie New York von Berlin war, als dort die ersten AIDS-Fälle auftraten.
Während der zehnminütigen Nachrichtensendung war die Atmosphäre schockgefroren. Niemand sprach. Die Stimmung war vereist. Wie würden sie jetzt reagieren, wenn die Nachricht käme, daß der Diktator eine Atomrakete nach Berlin gestartet hätte? Die Flugzeit würde noch eine halbe Stunde dauern. Dann wäre Berlin zerstört und alles Leben darin vergangen. Einige würden wohl heulen und beten. Die Mehrheit würde jedoch Sekt bestellen, eine Line Kokain nehmen und das Lokal zu einem einzigen hellen Darkroom machen. Alle Kleider würden abgelegt, und jeder würde nochmal versuchen, mit jedem zu ficken. Und alles würde enden in einem einzigen großen Orgasmus, der ewig dauerte, weil er ja der letzte war.
Wie hatten doch Tunten des Berliner Schwulen-Zentrums gesagt: "Wenn morgen die Welt unterginge, würden wir uns heute dafür ein neues Kleid nähen." Die SchwuZ-Tunten als Brautjungfern bei der Vermählung mit dem Meister Tod.
Nach der Sonder-Tagesschau wurden wieder die Pornos und die Musikanlage angestellt. Das Leben und der Umsatz mußten ja weitergehen. Ich begann die Kinder, die meine Spielgefährten gewesen waren, zu lieben.
Ich trank mit einem von ihnen ein Abschiedsbier und nahm ihn mit nach Hause. Farewell, Tom's Saloon, wo ich so oft Cowboy und Indianer gespielt hatte.
Er sollte mein letzter Mann in diesem Leben werden. Ich gedachte, ihm in dieser letzten Nacht alles zu geben, was ich hatte, und ihm alles zu nehmen, was er hatte. Auf der Treppe zu meiner Wohnung sagte er mir, er sei von Beruf Friseur. Ich mußte innerlich lachen. Ausgerechnet ich sollte meine letzte Nummer ausgerechnet mit einem Friseur machen. Die erhabenste all meiner Sexualnummern, meine letzten Nummer also, sollte mit einem Vertreter des banalsten Berufs stattfinden, den man sich für Schwule denken kann?
Wir gaben uns alles, was wir besaßen. Wir gaben uns sechs Sekunden Glück. Sechs Sekunden, die mehr Wert hatten als sechzig Jahre Ehe.

Am nächsten Tag sollte der Ernst des Lebens beginnen. Oder vielmehr der Ernst des Todes. Ich konnte meinen Arm nicht mehr bewegen. Und zwar meinen linken. Beide Arme waren plötzlich gelähmt.
Horst brachte mich ins Krankenhaus. Toxoplasmose hatte der Arzt diagnostiziert. Wahrscheinlich übertragen von Schopenhauer und Nietzsche, meinen beiden Katern.
Mein linker Arm war jetzt total gefühllos. Der rechte, vorher schon teilgelähmte war jetzt der stärkere. Er mußte dem vorher stärkeren helfen, ihn unterstützen.
Tags darauf waren auch die Beine betroffen. Ich konnte nicht mehr gehen. Jetzt war ich sowohl sprach- als auch hilflos. Der Krankenpfleger fuhr mich mit dem Rollstuhl in den Patientenaufenthaltsraum. Ich hatte jetzt einen Leibdiener, der für mich sorgte. Ich traf dort alle meine Untertanen wieder.
Einigen von ihnen hatte ich früher die Gunst gewährt, mich für eine Stunde untertänigst als Untertan behandeln zu dürfen. Sie waren manchmal übermütig und keck gewesen, so daß ich ihnen meine Gunst wieder entziehen mußte.
Der Bodybuilder mir gegenüber schaute mich demütig an. Er, der immer so stolz auf seine Muskeln gewesen war, der sich im "Knast" als Fürst der Finsternis geriert hatte, war jetzt seiner Muskeln beraubt. Wo sich früher seine Brustmuskulatur befunden hatte, hingen jetzt nur noch Hautfalten wie ein schlaffer Hodensack. Sein einst so herrischer Blick war durch Schmerzmittel gedämpft und weich. Er schaute mich an. Ich, den er mal als "Dickerchen" zu beleidigen versucht hatte, war jetzt schlank wie nie zuvor. Er sah in meine Augen und erkannte die "Mehr-schaun-geborene" Venus, die sich aus der Fettschicht befreit hatte. Jetzt war ich die Königin und er der Diener.

Salome schaute Jochanaan an. Du hast mich deinen Mund nicht küssen lassen. Jetzt will ich ihn nicht mehr küssen. Dein Schwanz war eine große giftspritzende Schlange. Und jetzt bewegt sie sich nicht mehr. Sie ist, leblos geringelt, zwischen den beiden Baumwurzeln, die unter deinem Nachthemd verborgen sind, zu erkennen.
Ich war eine Fürstin, und du hast mich gedemütigt. Ich war eine Königin, und du hast mich verachtet. Wohlan, so werde ich dir meine Verachtung jetzt zeigen. Ich geruhe, dich nicht zu verachten. Ich werde meinen Blick auf dich richten, wenn du zur Bronchoskopie gefahren wirst, und werde dir zulächeln. Ein ganz klein wenig. Ich werde stumm lächeln. Denn jetzt, wo es zu spät ist, werde ich kein Wort mehr an dich vergeuden.
Ich werde dich huldvollst dafür bestrafen, daß du mich schon wieder verkennst. Nein, nicht Claire Zachanassian sitzt hier im Rollstuhl mit ihren Prothesen. Ich bin nicht gekommen, um zu rächen. Feinde, die man besiegt hat, sind keine Feinde mehr. Ich bin Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa. Und du bist mein fast toter Jochanaan. Ich werde dich auf die härteste Weise bestrafen, die mir möglich ist. Ich werde dir verzeihen. Ich werde dir die Todsünde des Mich-Verkennens vergeben. Denn du wußtest damals nicht, was du tatest. Ich schon. Vor die Wahl zwischen Schafott und Einfamilienhaus gestellt, würde ich mich auch heute wieder hocherhobenen Hauptes für das Schafott entscheiden. Das Schafott ist der angemessene Platz für eine Königin, das Einfamilienhaus ist die erdiente und verdiente Heimstatt für einen Bankbeamten.

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