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Georg Kreisler: Der Schattenspringer
Wir befinden uns also am Rande des Dorfes Bottsville im Süden Englands. Auf einem freiliegenden Grundstück entdecken wir das Haus des Schriftstellers John Greenway. Von dem Haus führt eine Art Wiesenweg zur Straße nach Watts, einem etwas größeren, drei Kilometer entfernten Ort. Erst von Watts hat man dann Zugang zur übrigen Welt. Bottsville liegt einsam. Statt der Autostraße kann man einen Fußweg nach Watts nehmen, da verliert man die Hauptstraße bald aus den Augen. Er verläuft entlang einer gut hundert Meter tiefen Schlucht, ist nicht gesichert, aber da er vier Meter breit ist, muß man kaum fürchten, in die Schlucht zu stürzen. Unheimlich ist der Fußweg nur nachts, oder wenn man einem Mörder begegnet. Wie gesagt, in dem vereinzelten Haus außerhalb von Bottsville wohnt der Schriftsteller John Greenway mit seiner Frau. Er war in Cottbus als Hans Grünberg auf die Welt gekommen, und als er sechs Jahre alt war, waren seine Eltern mit ihm nach England ausgewandert. Nun war er Engländer, aber Cottbus hatte ein Loch in seiner Psyche hinterlassen. Menschen mit feinem Gehör fiel noch immer sein leichter deutscher Akzent auf, denn als Kind hatte er sich der englischen Sprache verweigert und nur deutsch gesprochen. Mittlerweile sprach er allerdings ausgezeichnet Englisch und benötigte beim Verfassen seiner Bücher keine Hilfe. Etwas kleingewachsen, aber schlank und mit einem herausfordernden Schnurrbart begabt, hatte er schon als junger Mann beachtlichen Erfolg bei Frauen gehabt, aber das befreite ihn nicht von dem unguten Gefühl, von ihnen als Exote betrachtet zu werden. Mit zweiunddreißig Jahren hatte er Peggy Ashworth geheiratet, eine Londonerin aus guter alter Familie, kein Adel, aber eben gute alte Familie, und mit Peggy wollte er auch gut und alt werden. Dem stellte sich Peggys tiefsitzender, teilweise unbewußter Patriotismus in den Weg. Für Peggy konnte John nie Engländer werden. Das störte sie nicht, denn man wußte doch, wer man war. Die Ehe wurde rasch unglücklich. Es kam dann so, daß John Musik jeder Art verabscheute, während Peggy sich immer geschmackloser kleidete. John konnte stundenlang auf ein Meer starren, auch wenn keines zu sehen war, und Peggy fuhr Ski und liebte die Alpen. John war schlank geblieben, auch nachdem er das Rauchen aufgegeben hatte, während Peggy zur Fülle neigte. Überhaupt gab John immer wieder alte Gewohnheiten auf, nicht zuletzt seine Ehe mit Peggy. Peggy hingegen legte alles auf Eis, nicht zuletzt ihre Ehe mit John. So war es eben, so war es immer gewesen, und die Frage, ob es so bleiben würde, lag ständig in der Luft und kam nicht herunter, bis eines Tages ein alter Freund aus London bei ihnen zu Abend speiste. Kriminalinspektor Connally, der mit John zur Schule gegangen war, hatte zufällig in Watts zu tun gehabt, und bei dieser Gelegenheit stattete er den beiden einen Besuch ab. "Bald werden wir sechzig", bemerkte John, als sie nach dem Abendessen im Wohnzimmer Brandy tranken. "Bald werde ich fünfzig", sagte Peggy, und dann fragte sie John unvermittelt, warum er wieder mit dem Rauchen begonnen habe. "Wieso?" fragte John. "Ich bin froh, daß ich aufgehört hab." "Lüg nicht!" rief Peggy. "Glaubst du, ich merk es nicht? Er raucht wie ein Schlot", fügte sie zu Connally hinzu, "nicht jetzt, aber wenn er arbeitet." "Schade", meinte Connally, "wozu hast du es dir dann abgewöhnt?" "Ich rauche nicht", widersprach John, "und ich weiß nicht, wovon Peggy redet." Er stand auf und schwankte drohend auf sie zu, denn er war bereits ziemlich betrunken. Auch Peggy hatte ihren Alkohol zu eifrig hinuntergeschüttet. Bevor John ihr zu nahe kommen konnte, flüchtete sie hinter Connallys Sessel und schrie: "Er arbeitet den ganzen Tag, dabei raucht er und säuft er, und ich bin allein. Komm in sein Arbeitszimmer, dort zeige ich dir die Flaschen und die Zigarettenkippen." So brüllte sie weiter und hakte schließlich Connally unter, um ihn in den ersten Stock, in Johns Arbeitszimmer zu ziehen. John folgte ihnen. Auf dem Schreibtisch standen zwei Aschenbecher, beide bis zum Rand mit Zigarettenkippen gefüllt. "Du rauchst also doch", sagte Connally. John wurde bleich, schüttelte den Kopf und verließ den Raum. Ich war zu klug, um zu antworten, sagte er zu sich selbst, als er eine Stunde später im Bett lag. Das Zimmer drehte sich, und er liebte diesen Zustand. Ich entgehe Peggy nicht, dachte er, auch wenn sie stirbt, entgehe ich ihr nicht. Warum füllt sie zwei Aschenbecher mit Zigarettenresten und stellt sie in mein Zimmer? Die Antwort lautet: Weil sie nicht anders kann. Das ist überhaupt die Antwort auf die meisten Fragen. Warum läuft der Hase davon, wenn er ein Rascheln in den Büschen hört? Nicht weil er dem Tod entgehen will, er weiß gar nicht, was das ist, der Tod, sondern weil er nicht anders kann. Tiere wissen Bescheid, sie lassen sich nicht von logischen Erkenntnissen leiten. Vor etwa zehn Jahren war John nach dem damals noch kommunistischen Cottbus gefahren. Es war nicht einfach gewesen, denn die ostdeutschen Behörden wollten wissen, was ein Engländer in Cottbus zu suchen hatte, und das wußte er selbst nicht. Schließlich hatte er sich durchgesetzt und war in Cottbus herumspaziert, argwöhnisch verfolgt von einem Spitzel, dem er versuchte zu erklären, daß er in Cottbus geboren war, aber der Spitzel wollte ihn natürlich nicht verstehen. John hatte Cottbus nicht wiedererkannt, doch er stellte verwundert fest, daß er sich dort wohler fühlte als in Bottsville. Erst als er nach drei Tagen erneut von der Polizei verhört wurde, reiste er angewidert ab. Warum bin ich nach Bottsville gezogen? Warum haben wir das Haus gebaut? Warum war Peggy damals glücklich und ich nicht? War ich auf der Flucht vor Damokles? Warum kann ich Damokles nicht vergessen? Weil ich nicht anders kann, ich weiß, aber warum kann ich nicht anders? Das Schreiben von Romanen ist eine Gewohnheit wie das Zähneputzen, dachte John, leben ist viel anstrengender als schreiben. Es muß doch wahnsinnig anstrengend sein, zwei Aschenbecher mit Zigarettenresten zu füllen und sie dann heimlich irgendwohin zu stellen. Peggy kennt nur England, dachte John. Wenn sie nach Österreich hastet, um dort Ski zu fahren, bleibt sie trotzdem in England. Sie träumt englisch. Amerikanische Filme kommen ihr komisch vor, egal wie ernst sie sind. Ihre Familie lebt immer weiter, auch wenn einzelne Mitglieder sterben. Meine Familie ist nur auf die Welt gekommen, um zu zeigen, wie schnell sie wieder verschwinden kann. Auch ich muß verschwinden, und die Tür wird sich lautlos hinter mir schließen. Connally glaubt lieber den zwei Aschenbechern als mir. Tatsachen überzeugen ihn, das ist das Mysteriöse an ihm, das ich nicht verstehen kann. Er kann wiederum nicht verstehen, warum mich alles überzeugt, nur Tatsachen nicht. Dabei geht es gar nicht um das Verstehen, sondern um das Akzeptieren. Niemand will etwas akzeptieren, ohne es zu verstehen, lieber greift man zum Schießgewehr, obwohl man gar kein Schießgewehr braucht, um zu töten. Wie töte ich Peggy?
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