So geborgen wie das Küken in seinem Nest
ist das Kind in der Liebe seiner Familie.
Weisheit der Fon

 

Meine Initiation

Mir war ein Mann begegnet, der mein Herz zum Rasen brachte. War es das scharfe und süße Essen oder die Musik, die Verkleidung als Afrikanerin oder die seltsame Seife, die mich verzaubert hatte? Lag es an Johns sanfter Erotik, seinem einfühlsamen Umschmeicheln meiner Seele und meines Körpers? So genau konnte ich das nicht unterscheiden. Ich war 19. Für mich war es Liebe!
Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich die Dinge mit mehr Abstand betrachten kann. Und weiß, dass es alles zusammen war: die afrikanische Magie der Liebe.
In den Jahren, die seither vergangen sind, habe ich gelernt, wie sie funktioniert, diese Erotik einer fremden Welt. Wobei Johns schlammige Seife in zweierlei Hinsicht den besonderen Kick seines kleinen Rituals ausmachte. Keine Frage, es war durchaus die Art der Anwendung, in der der besondere Reiz lag. Das allerdings bekommt ein leidenschaftlicher Liebhaber auch mit der Supermarkt-Body-Lotion aus der Plastikflasche hin. Er muss nur sein ungestümes Begehren vergessen, der Geliebten Zeit lassen ...
Vor allem die Zutaten spielten für das Magische an Johns Seife eine Rolle. Die Grundsubstanzen selbst sind völlig unmagisch: Palmensamen, Holzasche und Regenwasser. Die Palmensamen werden geröstet, zerstampft und gesiebt, um daraus ein natürliches Öl herzustellen. Die graue, grobe Holzasche wird in einen Topf mit einem kleinen Loch geschüttet, darauf wird weiches Regenwasser gegossen, das langsam durch das Loch wieder abrinnt und aufgefangen wird. Palmöl und das mit kleinen Partikeln durchsetzte Aschewasser werden zusammen aufgekocht und verdicken sich zu einer breiigen Masse. Was entsteht, ist die so genannte native soap, eine grobe und dunkle, in Afrika weit verbreitete Seife, vergleichbar mit unserer mehr und mehr in Vergessenheit geratenen Kernseife.
Diese simple Haushaltsseife wird durch die weiteren Zutaten, die vor dem Eindicken zugefügt werden, eine besondere Seife: Je nach Bedarf und Zweck werden verschiedene Kräuter, Heilmittel und Gerüche zugesetzt. John verwendete eine Prise Cayenne- und Cupebapfeffer, je einen Löffel Damiana und Brennnesselsamen. Kein Wunder also, dass es mir damals den Atem verschlug. All diese Gewürze und Kräuter sind sexuell stimulierend, aber die entscheidende - weil magische - Zutat waren zwei gehäufte Esslöffel roten afrikanischen Mutterbodens.
Als John sein Heimatdorf verließ, hatten seine Eltern die berechtigte Sorge, dass ihr Sohn nie wieder in die Heimat zurückkehren würde. Also füllten sie eine Schachtel mit der roten Lateriterde, die dem afrikanischen Kontinent seine charakteristische, wundervoll sinnliche Farbe gibt, in die der Schöpfer von Himmel und Erde alten Mythen zufolge diesen Erdteil getaucht hatte.
”Trag diese Erde immer mit dir”, wurde dem in die Ferne aufbrechenden John gesagt, ”sie wird dich daran erinnern, in welchem Boden deine Wurzeln ruhen.”
Für einen traditionellen Afrikaner haben solche Worte Bedeutung, denn er weiß, dass er ohne seine Vorfahren - seine Wurzeln - ein Nichts ist. John, der mich als seine Frau gewinnen wollte, nahm von dieser Erde und mengte sie unter die Seife. Die Haut bildet unser größtes Körperorgan. Und bevor ich jemals auch nur einen Fuß auf afrikanischen Boden gesetzt hatte, berührte diese Erde meinen ganzen Körper, drang in all meine Poren ein. Was damals in der Dusche mitten in München passierte, das war meine Initiation, meine Einweihung.
Das ”Schlammbad”, mit dem John mich erotisierte, hatte natürlich einen genau kalkulierten Zweck: Der Mann wollte mich. Genau betrachtet standen die Chance für ihn, mich zu erobern, denkbar schlecht: Er war ein mittelloser Student in einem fremden Land. Ein Außenseiter. Aus diesem Nachteil machte er einen Vorteil, indem er ihn betonte. Er entführte mich in sein Reich. Geschickt hatte er das angestellt: Er richtete es ein, dass mein braves Kleid schmutzig wurde, damit er mir ein afrikanisches als Ersatz geben konnte. Das war mehr als der plumpe Trick eines geübten Verführers, es war eine symbolische Geste: Ich nehme dich in meiner Welt auf.
John brachte alle meine Sinne zum Klingen, mit Speisen, Düften, Massagen und Musik. Schließlich hatte er mich so weit, dass ich mich mit seiner fremdartigen Seifenpaste einreiben ließ. Bewusst war mir das natürlich keineswegs: Das ”Schlammbad” wusch meine Alltagswelt von mir ab. Und nun war ich frei, mich dem sinnlichen Erleben hinzugeben.
Johns speziellen Trick verstand ich erst viel später: Es war das kleine Lederamulett, das er mir zum Abschied um den Hals gelegt hatte. Es kam vielleicht nicht so sehr darauf an, ob die Kräuter darin tatsächlich eine körperliche Wirkung hatten - im Sinne einer Einwirkung auf die Haut -, sondern auf die Symbolik: Ich kehrte in meine Welt heim mit einem einzigartigen Andenken an Johns Welt; ich trug sein Zeichen bei mir.
Das funktioniert schon mit einem Wohnungsschlüssel, den wir einem Liebhaber anvertrauen oder er uns. Der Schlüssel sagt: Ich vertraue dir, du bist Teil meiner Welt. Um wie viel wirkungsvoller ist da ein Amulett, das nicht so austauschbar anmutet wie ein beliebiger Schlüssel. Das Amulett schafft eine Bindung über das Herz, und nicht über das Hirn wie ein kalter Schlüssel, weil es nicht den Gesetzen sofort nachvollziehbarer Logik entspricht. Sondern jenen der Magie.
Mit diesem kleinen Zauber verlängerte John einen Augenblick. Wenn ich es recht überlege - bis heute. Geöffnet habe ich das kleine Liebesamulett nie. Magie, die der oder die Verzauberte akribisch analysiert, verliert ihre Kraft. Liebesmagie gehorcht ihrem eigenen Gesetz, der wunderbaren Unvernunft. Es wird niemand behaupten wollen, dass Erotik etwas mit Vernunft zu tun hat. Wenn das kritische Nachdenken erst einmal ins Spiel kommt, endet das rauschhafte Erleben. In Afrika und anderswo.
John hat mir den Schlüssel in die Hand gegeben, die Liebesmagie Afrikas kennen zu lernen - Pardon, er hat ihn mir als Amulett um den Hals gelegt ... In diesem Sinn wirken die Kräuter aus Johns Amulett fort, auch wenn unsere Liebe - aus ganz anderen Gründen - Vergangenheit ist.

Weiterlesen ...