Ilona Maria Hilliges: Afrikanische Liebesmagie

 

Du brauchst zwei Hände, um verworrene Fäden zu lösen.
Sprichwort aus Nigeria

 

Das Schlammbad

Der Klang der Trommel rief mich. Ihre verführerisch warmen Schwingungen drangen zu mir, ließen mein Herz schneller schlagen, noch bevor ich herausfinden konnte, woher die lockenden Töne kamen: aus einem der Fenster eines schlichten, mehrstöckigen Hauses in der Münchner Innenstadt. Ich blickte nach oben, atmete tief die warme Großstadtluft dieses späten Sommerabends, die verheißend nach Abenteuer duftete. Nach der Nummer des Hauses musste ich nicht länger suchen. Ich fühlte - ich war angekommen.
Ich war 19, trug ein sonnengelbes, knielanges Kleid mit Spitzenbesatz am Rundkragen, das meine frauliche Figur versteckte. Immer wieder strich ich mein schulterlanges, rotblondes Haar aus dem Gesicht. Noch einmal trat ich einen zögernden Schritt zurück, presste mir dann meine weiße Handtasche vor den Bauch und drückte entschlossen die Haustür auf. John hatte gesagt, dass er unterm Dach wohnte, in einer Wohngemeinschaft. Dort würde er die Party veranstalten: "Komm doch auch, es wird dir sicher gefallen."
Zunächst hatte ich abgelehnt. Natürlich. John redete und lachte zwar viel, aber er war Afrikaner und ich Papas behütete Tochter, eine viel zu angepasste. Ich studierte brav und jobbte fleißig. Die Treppen stieg ich langsam hoch. Die Musik wurde lauter.
"Wo sind die anderen Gäste?"
"Die kommen noch, du bist die Erste. Ich habe schon zu kochen angefangen."
Die scharfe, rote Pfeffersauce nahm mir fast die Luft zum Atmen. John zeigte mir, wie man den dazugehörigen Brei aß. Seine schmalen Finger formten eine längliche Garri-Kugel, tippten sie in die rote Sauce, führten sie an meinen Mund. Eine beigefarbene, leicht säuerlich schmeckende Wurst, deren runde Spitze mit der roten Sauce benetzt war. Nur die Spitze sollte ich abbeißen. Er tunkte sie erneut ein und fütterte mich weiter. Ich atmete tief, um meinen heißen Atem zu kühlen.
"Nichts trinken, sonst wird es nur schlimmer", warnte John. "Hier, kennst du Papayas? Die wachsen in dem Land, aus dem ich komme."
Ich hatte die Landkarte an der Wand gesehen - Nigeria. Er schnitt die mir damals unbekannte Frucht auf und fütterte mich damit.
"Probier jetzt die Sauce."
Ich versuchte sie; die Sauce kleckerte auf mein gelbes Kleid.
"Das muss sofort ausgewaschen werden! Gib es mir und nimm das." John reichte mir eine drei Meter lange Stoffbahn, die ich nur verwundert anstarrte. "Warte, ich zeig dir, wie es geht." Er wickelte mich in den bunt bedruckten, leuchtenden Batikstoff. Wie im Vorbeiflug berührten seine sinnlichen Hände meinen Busen.
"Ein wrapper", sagte John, "das tragen bei uns Männer und Frauen."
Mir war warm in dem kleinen Zimmer, so warm, als wäre ich bereits in Afrika. Der seidenweiche Stoff umschmeichelte meine nackte Haut sanft. John ging aus dem Zimmer, um mein Kleid im Bad auszuwaschen. Ich drehte mich vor dem Spiegel. Verführerisch blitzte mein Bein aus dem langen Stoff hervor. Nur die Träger meines BHs passten nicht dazu. Wie Fremdkörper staken sie oben aus dem bunten Stoff heraus. Wenn schon, denn schon ... Ich befreite meine Brüste von dem einengenden europäischen Textil und straffte meinen Körper. Na bitte, stand mir gut, das Afrika-Outfit.
John hatte sich wohl recht ungeschickt angestellt - das Kleid war von oben bis unten nass. "Es ist doch warm, das trocknet schnell."
"Wo sind denn nun die anderen Gäste?", fragte ich.
"Komm, lass uns tanzen!", antwortete John.
Eine Frauenstimme stöhnte den immer gleichen Refrain. John zog meinen Körper, erhitzt vom Essen und dem durchdringenden Wummern aus den Boxen, eng an sich und führte mich sanft.
Seine sinnlich-warme Stimme flüsterte mir den Text des Hits aus Nigeria ins Ohr. Er handle von einer Frau, deren Mann sich mit seiner Geliebten amüsiere, während sie durchs Schlüsselloch späht.
"Na poi, stöhnt sie, oh je, jetzt machen sie’s schon wieder ...", übersetzte sein großer Mund die fremden Worte, die weißen Zähne blitzten.
Diese "Party" wuchs mir über den Kopf, ich machte mich frei, wollte gehen. Aber John berührte ganz sanft meine nackte Schulter. Ein warmer Schauer lief über meinen Körper. "Meinen Obstsalat hast du noch nicht probiert. Hilf mir rasch, die Papayas zu entkernen, die Ananas zu schneiden; ich bereite die süße Sauce dafür zu, dann essen wir und du kannst gehen."
Ich konnte sowieso noch nie Nein sagen. In diesem Augenblick erst recht nicht ... Also kratzte ich den schwarzen, feucht schimmernden Samen aus dem saftig reifen Fruchtfleisch, schnippelte die duftende Ananas in kleine Stücke.
Ich war nicht bei der Sache, mein schlechtes Gewissen als brave Tochter eines strengen Vaters ließ mich immer wieder zu meinem feuchten Kleid lugen: Ich schnitt mir in den Finger. Das Blut tropfte auf das Wickelkleid. Johns weiche Lippen lutschten liebevoll die rote Flüssigkeit von meinem wunden Finger.
"Komm mit ins Bad, dort habe ich Pflaster."
Ich ging mit, ließ mich verarzten.
"Warum nimmst du nicht eine Dusche, bevor du gehst? Du hast sehr geschwitzt, bei der Hitze." Nur ein dünner Vorhang trennte die Dusche vom Etagenbad ohne Schlüssel. "Ich pass auf, dass niemand kommt", sagte Johns weiche Stimme.
In der Dusche suchte ich vergeblich nach einer Seife. Da streckte sich mir eine schwarze Hand entgegen, die eine ovale Blechdose hielt. In der Dose eine schwarze Paste, die nach fremden Kräutern roch. Ich lehnte ab, aber schon schlüpfte John zu mir unter die Dusche. Mit sanftem Druck massierte er die Seifenpaste auf meine Haut. Die Paste oder die Art ihrer Verabreichung ließ mein Herz wie verrückt rasen, noch mehr Schweiß brach aus meinen Poren, vermischte sich mit der Paste zu einem dreckigen, zähen Brei auf meiner bleichen Haut. Ließ mich aussehen, als hätte ich mich in einem Schlammpfuhl gewälzt. Irgendein Bestandteil in der Masse nahm mir die Luft zum Atmen, trieb mir die Tränen in die Augen, während ich Johns Hände überall auf meinem Körper spürte. Sie kreisten, rieben, streichelten, drückten, kneteten. Ich spürte Wellen des Wohlgenusses in meinem Körper aufsteigen.
Am nächsten Nachmittag verließ ich das Haus in meinem braven gelben Kleid. Die Ränder eines roten Flecks zeichneten sich verräterisch darauf ab. In meiner weißen Umhängetasche hatte ich Johns Zimmerschlüssel. Um meinen Hals trug ich ein Amulett aus Leder, geformt wie eine winzig kleine Tasche, gefüllt mit den magischen Kräutern eines
Medizinmannes. Mein neuer Talisman.
Ich kam immer wieder zu John - auch zum Duschen.

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