Gad Beck: Und Gad ging zu David


Plötzlich brach unsere Welt zusammen. Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Die Bevölkerung jubelte, die Welt reagierte nicht. Gut zwei Wochen später, es war ein Freitag, erhielten wir ein offizielles Schreiben.
Binnen vier Tagen, zum 1. April, hatten wir unsere Wohnung in Weißensee zu räumen. Wir waren keine Österreicher mehr, weil es die nicht mehr gab; deutsche Staatsbürger wurden wir damit allerdings auch nicht. Wir waren nur noch Juden.
Was sollte man mit uns anfangen? Erst einmal war klar, daß uns die große Wohnung weggenommen wurde. Und der zweite Schritt: Wir wurden dorthin zurückgeschickt, wo wir hergekommen waren, ins Scheunenviertel. Dort hatten wir uns eine Unterkunft in einem "Judenhaus" zu suchen.
Mein Vater war am Boden zerstört. Er betrachtete Deutschland doch als seine Heimat, das Land, das er bewunderte. Nun wollte es ihn nicht als Bürger haben. Er verbarrikadierte sich im Schlafzimmer und kam tagelang nicht wieder heraus. Wir setzten uns mit Wobbi in Verbindung, der uns Hilfe beim Umzug versprach, einen Lastwagen, Kartons, Träger. Eine Wohnung im Scheunenviertel hatte er natürlich auch nicht zur Hand.
Meine Eltern waren wie gelähmt. Am Sonntag ging ich zur Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße, bis zum Rauswurf blieben noch achtundvierzig Stunden. Während dieser zwei Tage schleppte ich meine Mutter in mindestens fünfzehn Untermietzimmer, in die wir hätten ziehen können. Eines war schlimmer als das andere.
In einem Fall hätte ich mit dem Sohn der Familie ein Zimmer teilen müssen und Margot mit den Eltern, solche einladenden Möglichkeiten waren das. Allerdings gefiel mir der Junge nicht, er war nämlich dick; deshalb verhinderte ich das schon mal. In einer anderen Wohnung hockte eine alte Frau mitten im Wohnzimmer auf einem Nachttopf und stieß irgendwelche Laute aus; na, Prost Mahlzeit. Diese Dame hatte zwei Söhne, die in einem breiten Bett schliefen und mit ebenso breitem Grinsen zu mir sagten: "Na, und du kommst dann zu uns!" Da kriegte meine Mutter Angst.
Zuguterletzt - meine Mutter hatte schon aufgegeben - gab mir die Frau von der Jüdischen Gemeinde noch eine Adresse. In der Prenzlauer Straße, aus der wir gekommen waren, Nummer 12a, gegenüber von unserem alten Haus Nummer 46. Dort wohnte eine alte Bekannte, unsere aus Polen stammende Portiersfrau Szczepanski. In allen drei Vorderwohnungen lebten Juden, und die mußten weitere Juden aufnehmen, weil die Wohnungen geräumig waren.
Frau Szczepanski begrüßte mich lauthals: "Junge!" Ich lief zu ihr und zeigte ihr den Schein, mit dem wir in eine der Wohnungen eingewiesen werden konnten. "Ick rejele det!" sagte sie. Der Hausbesitzer war ein "Arier", hatte aber eben dieses Judenhaus und mußte noch zustimmen. Das hatte sie im Nu erledigt, und ich kehrte triumphierend nach Weißensee zurück.
"Wir haben eine Wohnung!" verkündete ich meiner Mutter. "Wo?" war die atemlose Frage. Genauso, wie wenn einer ein Kind kriegt, und sie fragen: "Junge oder Mädchen?" Ich darauf: "Willste platzen? Bei Frau Szczepanski im Haus!"
Mein Vater hörte das und schloß sich gleich wieder im Schlafzimmer ein: er hatte ja versagt! Er hätte die Wohnung besorgen müssen, nicht ich, sein fünfzehnjähriger Sohn. Das war die erste "Operation", die ich allein und erfolgreich durchführte. Ich hatte etwas gelernt. Den Paß des Vaters hatten wir verloren; durch die christliche Mutter hatten wir zwar noch eine Verbindung zu den "Ariern", aber in der Krisensituation waren sie hilflos gewesen. Ich mußte jetzt langsam selbständig werden.
Wir zogen, nachdem meine Eltern eine Menge Möbel verschenkt hatten, bei einem jungen Ehepaar ein: Erich und Edith Nehlhans. Er war Präsident der ältesten Synagoge Berlins in der Heidereutergasse, ein frommer Mensch mit einer lebhaften, etwas weniger frommen Frau. Sie liebten sich sehr. Und oft - sie waren ja noch jung. Wir freundeten uns schnell mit ihnen an. Ich höre Tante Anna noch sagen: "Was ihr auch immer für ein Glück habt! Schon trefft ihr wieder auf reizende Menschen!"
Im Grunde war das auch eine typische Reaktion. Über die Ungeheuerlichkeit, daß wir unsere Staatsbürgerschaft und unsere Wohnung verloren hatten durch schiere Willkür der Nazis, machte sich keiner laut Gedanken.
Dabei wurde das Scheunenviertel von vielen "Ariern" und auch von den assimilierten und den reichen Juden mit gerümpfter Nase betrachtet. Sie fanden es unmöglich, beleidigend, klischeehaft und peinlich. Es sah in den dreißiger Jahren schon gar nicht mehr so ostjüdisch aus - als ob alle Männer mit Schläfenlocken durch die Gegend gelaufen wären. Und selbst wenn! Es wurden Kaftane und Hütchen getragen; das reichte natürlich für die Parvenüs im Westen, um sich zu entsetzen. Wir weniger Betuchten hatten wiederum mit den Charlottenburgern nichts zu tun - wenn ich es vermeiden konnte, fuhr ich nicht übers Brandenburger Tor hinaus Richtung Westen.
Auch hier fühlten sich viele als Deutsche, nicht zuletzt mein Vater, nur wurde kein Dünkel daraus abgeleitet. Der Umzug nach Weißensee hatte 1927 zwar für meinen Vater durchaus einen kleinen Aufstieg dargestellt, aber ehrlich gesagt, so schick war das Neubauviertel Weißensee damals auch nicht. Eher linksgerichtet bis kommunistisch, einfacher, praktischer sozialer Wohnungsbau. Die hygienischen Zustände waren dort besser als in den verwanzten Altbauten von Mitte, aber das war auch schon alles. Mein Vater wäre gar nicht auf die Idee gekommen, den Versuch zu unternehmen, im Westen der Stadt eine Wohnung zu suchen. Sein Firmenkompagnon hatte eine Villa im Grunewald, die unter anderem dazu beitrug, das Geld der gemeinsamen Firma durchzubringen. Bei dem war mein Vater manchmal zu rauschenden Abendgesellschaften, aber das war auch schon alles, wie ein fremder Besucher, der kurz reinschaut. Zu Hause fühlte er sich da nicht.
Die Rückkehr ins Scheunenviertel 1938 empfanden wir in der Situation des Verlustes, des Zusammenbruchs unserer bürgerlichen Welt eher als Entlastung. Wir kehrten ja dahin zurück, wo wir schöne Jahre verbracht hatten ...
Wenn man durch die Straßen des Scheunenviertels ging, hatte sich nicht viel verändert. Es gab noch eine Menge jüdische Betriebe, in der Heidereutergasse stand die Synagoge, die ich besuchte. Die Straßen waren immer voll, die Juden gingen am Schabbes massenweise spazieren zwischen Alex und Hackeschem Markt und Oranienburger Straße. Die Häuser waren ähnlich, wie sie heute noch stehen, nicht unsolide gebaut, aber schon ein bißchen vergammelt, eine Durchmischung aus Wohnhäusern und Geschäften, die ihre Auslagen zum Teil draußen aufbauten, Obst und Gemüse, Fleischer, Bäcker, Kohlen und Kartoffeln, dazwischen immer wieder kleine Werkstätten, Schuster, Schneider, in den Hinterhöfen kleine Gewerbeunternehmen und Fabriketagen. Heute sieht es in einigen Straßen Kreuzbergs so ähnlich aus, zwischen Görlitzer Bahnhof und Schlesischem Tor. Bloß gab es keine gemütlichen Cafés zum Draußensitzen, sondern Eckkneipen mit Imbiß. Und überall rannten viele Kinder herum. Es wimmelte, urban und vital und kein bißchen vornehm.
Wir fühlten uns wohl hier, selbst meine Mutter brauchte nicht lange, um sich wieder einzuleben. Wie immer versuchten wir, das Beste aus der neuen Situation zu machen. Was nur realistisch war - bei wem hätten wir protestieren sollen, und mit welcher Aussicht auf Erfolg?
Für mich begann seit unserem Umzug eine Zeit der Religiosität, das habe ich Erich Nehlhans zu verdanken. Ich begann mich für die spirituelle Seite des Judentums zu interessieren. Und er führte mich in den jüdischen Kultus ein, ich lernte das Legen der Gebetsriemen kennen und las in der Thora. Freitags und samstags begleitete ich ihn in die Synagoge. Meine Eltern, besonders meine Mutter, waren nicht glücklich darüber, wagten aber nicht zu protestieren. Einmal nur hörte ich, wie meine Mutter sich bei Tante Trude beklagte; in dieser Zeit, da es den Juden immer schlechter erging, unterstrich ihr Sohn das eigene Jüdischsein noch durch diese plötzliche Frömmigkeit, die alles übertraf, was unsere Familie früher an den Tag gelegt hatte.

1937/38 baute Onkel Wobbi sein Haus in Teltow. Er war ja Militäringenieur, deshalb wußte er früher als andere, daß Hitler einen Krieg vorbereitete. Und dafür "rüstete" er nun sein Haus. Er legte sehr viel Wert auf das Kellergeschoß, das wurde ein regelrechter Luftschutzraum. Neben dem Haus stand eine feste Garage. Irgendwann später kam sein Angebot an mich: "Wenn du mal in Not bist, mit deinen Freunden, dann treffe ich mich mit euch irgendwo, und wir fahren mit dem Wagen in die Garage, das sieht kein Mensch. Von dort kommt man direkt in den Keller." Ins Versteck also. So weit dachte er schon. Es war keine Frage: Er war fest entschlossen, von den Nazis keinen Keil zwischen die Christen und die Juden in der Familie treiben zu lassen.
Mit derselben Entschlossenheit fuhr Onkel Wobbi 1938, nachdem Hitler Österreich annektiert hatte, nach Wien; ich weiß nicht, ob er sowieso dort zu tun hatte oder eigens deshalb hinfuhr, jedenfalls nahm er Kontakt zu den Wiener Becks auf, um zu erfahren, wie es ihnen ging.
Der Großvater war schon tot, die Großmutter war halb irre und wurde langsam zu einer Gefahr; sie lief manchmal auf die Straße und schrie: "Ihr verdammten Nazis!" und solche Dinge. Erstaunlicherweise hat niemand aus dieser Familie auch nur versucht, das Land zu verlassen; sie sind später alle in Konzentrationslagern ermordet worden. Nur ein Cousin von mir überlebte und kehrte nach Wien zurück; in den siebziger Jahren erzählte er mir: "Du kannst dir nicht vorstellen, was es für uns bedeutet hat, als 1938 Onkel Wobbi nach Wien kam. Als dieser Christ aus Berlin, der Militäringenieur, uns vorführte, wie die Familie zusammenhielt!" Onkel Wobbi bewegte sich in Wien nach Lust und Laune, er ging ins Theater, in Cafés und Restaurants, und er nahm seine Verwandten immer mit, obwohl sie sagten, dieser oder jener Ort sei vielleicht nicht so günstig für sie als Juden ... Wobbi beharrte darauf: "Wenn ihr mit mir dorthin kommt, wird es keine Probleme geben!" Und so war es auch.

Wie viele andere machten sich auch meine Eltern erst 1938, viel zu spät, Gedanken über eine Auswanderung. Amerika wäre ihnen als Nicht-Zionisten noch am liebsten gewesen, dieses Land schien am zivilisiertesten zu sein. Mein Vater ging zum Jüdischen Hilfsverein, wo man tagelang Schlange stehen mußte, nur um Auskunft zu bekommen. Es war hoffnungslos. Wir hatten keine Chancen, kein Geld, keine besonderen Papiere, keine Leute, die für uns gebürgt hätten oder ähnliches. Wir waren eine verarmte jüdische Familie aus dem Scheunenviertel, und die Duldung irgendeines Landes konnten wir uns nicht erkaufen.
Wir waren nicht einmal besonders niedergeschlagen, als mein Vater bestätigte, was wir insgeheim schon geahnt hatten. Die Auswanderung gelang in der Regel nur den Reichen oder den zionistischen Eiferern; wir mußten das Leben in Deutschland weiter ertragen.
Für Margot gab es vielleicht noch einen Weg. Über die Quäker-Sekte konnte sie als "Mischlingsmädchen" nach England geschickt werden, als Au-pair. 1938 leierten wir das an und bekamen schließlich in Aussicht gestellt, daß sie im Herbst 1939 einreisen dürfe, um eine Stelle in Birmingham anzutreten. Doch dann begann der Krieg, und auch Margot mußte in Deutschland bleiben.

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