Gilbert, von Hause aus eigentlich Gymnasiallehrer, hatte mir ja oft genug erklärt, was für ein Stress es sei, immer in der Weltgeschichte rumzufliegen, nur um in Tokio mal kurz einen Kosmetikhersteller anzugraben oder in der Karibik für den Likör-Clip seines größten Kunden eine Szene nachzudrehen, »nur weil eine von den Miezen vergessen hat sich die Beine richtig zu rasieren. So bis oben hin, du weißt schon. Hat natürlich keiner von diesen Kretins gesehen. Die ganze Wolle guckt aus dem G-String! Da kriegst du ja schon einen Kater, bevor du überhaupt einen Schluck von dem Zeug genommen hast. Mann, wenn man sich nicht um jeden Mist selber kümmert. Allein das Casting hat volle zehn Mille gekostet. Ich fasse es nicht!«.

Gilbert steuerte Richtung Wohnzimmer, Erschütterung über den globalen Dilettantismus in den Mundwinkeln. Die Flasche Rotwein und eins meiner kostbaren Burgundergläser klemmten unter seinem linken Arm, eine Tüte Erdnüsse, ohne Fett geröstet, und das Fernsehprogramm unter dem rechten.
»Kommst du auch?«, tönte es kurz darauf fragend aus dem Sofa.
»Was läuft denn?«, tönte ich zurück.
»Weiß nicht. Ich glaube, ich gucke mal in das Topspiel der Woche rein. Geht aber nur noch eine Viertelstunde. Danach kannst du ja was aussuchen.«
Wie demokratisch. Wer zuerst auf der Couch lag, bestimmte das Programm, klar. Aber letztlich war egal, was lief. Hauptsache, man lag gemeinsam auf der Couch. Ein bisschen Nähe für eine Spielfilmlänge (und die Commercials).
»Gilbert?« Ich ging mit einem leeren Weinglas ins Wohnzimmer, nachdem ich hinter dem Klo die beiden Hähne mit dem blauen und dem roten Punkt zugedreht hatte.
»Mmh.«
»Kannst du morgen bei Schmidt-Ecklund anrufen und ihm das mit dem Rohr ... äh, mit der undichten Stelle erklären? Ich habe keine Lust auf seine Tiraden. Außerdem ist das vom Büro aus günstiger nach Basel.«
»Och, bitte verschon mich. Das musst du ihm erklären. Du warst schließlich die ganze Zeit dabei, als der Klempner hier war.«
»Ja, zwangsläufig. Und morgen kommt er wieder. Deswegen fände ich ein bisschen Arbeitsteilung sehr nett.«
»Birke, tu mir das nicht an! Ich habe morgen ein Briefing mit dem Creativ-Team für die neue Eiscreme-Kampagne. Außerdem sind die Andrucke für die Printstrecke unseres Likör-Fuzzis heute gekommen. Der letzte Dreck, kann ich dir sagen! Sieht aus, als hätten wir statt auf Aruba in Grönland gedreht. Alles total schneeig. Muss noch mal vollkommen geändert werden. Übermorgen ist Abgabetermin für die Präsentation für diesen nervigen Damenbinden-Relaunch. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich zuerst hindenken soll. Was dieser Likör-Etat für unser Image bedeutet - du machst dir keinen Begriff! Keine Ahnung, wie lange wir den noch halten können. Erst diese Rasur-Geschichte und nun auch noch das! Langsam hält uns der Kunde für Komplett-Idioten.«
ðNicht ganz zu UnrechtÐ, lag mir auf der Zunge. Ich biss sie, unverdienterweise.
»Ihr könntet das Zeug als Ersatzflüssigkeit in der Damenbinden-Kampagne einsetzen«, sinnierte ich laut.
Gilbert rollte mit den Augen, fiel erschöpft zurück in die Garnitur und mühte sich - von Flasche zu Flasche - zur Abwechslung mit dem Korkenzieher, den irgendein unfähiger Designer mal wieder total verkonzipiert hatte. Sah aber gut aus. So viel war sicher. Da war es wieder, aber glücklicherweise diesmal nur ein Kurz-Statement zur Lage der Nation. Ich machte mir ja keine Vorstellungen, wie stressig Gilberts Job in Wirklichkeit sei. ðDas erzähl ich dir lieber gar nicht erst, das wäre abendfüllendÐ, war der lapidare Nachtrag, der solchen Krisenberichten gewöhnlich folgte. Nicht dass es mich interessiert hätte. Lange zurück lag die Zeit, in der ich abends an Gilberts Lippen gehangen und mich königlich amüsiert hatte über all die kurzweiligen Agentur-Geschichtchen und die schier unmöglichen Kundenwünsche. Inzwischen erzählte er eigentlich nur davon, welch horrende Arbeit das alles machte. Spaß hatte dieser Mann schon seit Monaten nicht mehr gehabt. Die Gramfalten um seine Mundpartie vertieften sich täglich mikrometerweise.
Unmerklich verschoben sich auch die zu Beginn unseres Zusammenlebens einigermaßen paritätisch verteilten häuslichen Aufgabenbereiche. (»Sag mir einfach, was ich tun soll, und ich mach’s. Ehrenwort!« Wieso musste man Männern immer sagen, was sie tun sollen?) Inzwischen waren wir ein eingespieltes Team: Ich putzte und er wartete darauf, dass ich ihm am Ende eines langen Tages hyänengleich auflauerte, um ihn die übrig gebliebenen Verrichtungen zuzuteilen. Keine sehr dankbare Aufgabe. Aber eigentlich kein Thema, ich war ja sowieso immer zu Hause.
Schließlich war mein Arbeitsplatz im ersten Stock nur durch eine Art Hühnerleiter vom ðsozialen TeilÐ unserer Wohnung, wie Gilbert ihn nannte, getrennt. ðModernes Wohnen auf zwei EbenenÐ hatte es in der Kleinanzeige geheißen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass diese Formulierung später einen völlig anderen Sinn bekommen sollte. Da saß ich den ganzen Tag oben auf meiner Stange und legte verbale Eier. Oder versuchte es zumindest.
»Du kannst nicht acht Stunden am Stück schreiben! Dein Kopf braucht doch auch mal ’ne Pause. Ich kenn das von unseren Textern. Wenn die nicht alle halbe Stunde ’ne Weile rumrennen, Kaffee trinken und die anderen von der Arbeit abhalten, bringen sie nicht einen vernünftigen Slogan zustande.«
Der viel strapazierte Vergleich zwischen mir und ðseinen KreativenÐ war wiederum mein Stichwort, Gilbert darauf hinzuweisen, dass ich mich in Sätzen, nicht in Slogans zu artikulieren pflege und dass meine Artikel journalistische Arbeiten seien, auf die ich mich konzentrieren musste, und das in aller Regel auch mit Freuden drei bis vier Stunden am Stück. Meine Pausen verbrachte ich dann gern mit dem Menschen oder dem Buch meiner Wahl, nicht aber mit Männern in zu engem Overall, die sich anschickten mein Badezimmer zu verwüsten! Oder mit den dreckigen Socken meines Lebensgefährten.

»Jaja, sei nicht immer gleich so empfindlich!«
Gilbert bekam in Situationen wie diesen jenen gehetzten Gesichtsausdruck, der die Furcht des Mannes vor der hysterischen Potenz des Weibes spiegelte. (»Dass sie sich um Gottes willen nicht reinsteigert, Mann! Sie müssen das verhindern! Jeder neuerliche Schub verschlimmert das Krankheitsbild!«) Urvater Freud hatte schon Recht, das lag für Gilbert auf der Hand: Ein Mann regte sich selten auf. Und wenn, dann stets aus gutem Grund. Das Wesen des Weibes hingegen war und blieb die Hysterie. Genetisch bedingt. Ergo latent glimmend und demnach absolut unberechenbar. Da galt es, das Schlimmste zu verhindern, den Funkenflug unter Kontrolle zu halten. Leider waren Gilberts Löschmanöver in jüngster Zeit immer häufiger ins Leere getropft.
Ich wollte mich aufregen, jawoll! Und wie ich mich aufregen wollte! War ich hier die Zugehfrau, die darauf schaute, dass der Kühlschrank gefüllt, die Wäsche gefaltet und die Autoversicherungsbeiträge pünktlich überwiesen wurden?! Riss ich mich etwa darum, die Sani-Hasen dieser Welt mit Kaffee und Gebäck zu versorgen und weinerlichen Vermietern mitzuteilen, dass und warum ihr Rohr defekt war? Ich hatte einen Beruf, verdammt. Würde das freundlicherweise mal jemand zur Kenntnis nehmen?
»Ist ja schon gut.«
Erschöpft widmete Gilbert sich bereits wieder dem Topspiel der Woche und beamte per Fernbedienung die Lautstärke nach oben. »Olééé, Oléé, Olé-Olé-Olééé!« Aus zigtausend Männerkehlen schwappte die Südkurve von Borussia Dortmund in unser Wohnzimmer.
»Die Stimmung ist mal wieder kurz vor dem absoluten Siedepunkt, meine Damen und Herren. Das können selbst die Italiener nicht besser. Unvergleichlich, diese Szenen! Na, wer da keine Gänsehaut kriegt.«
»Geil«, seufzte mein Ex-Studienrat elaboriert. In seiner Stimme schwang eine tiefe Wehmut. Wie viel lieber würde er jetzt mit all den anderen entspannten Fans auf den Siedepunkt zusteuern als mit der Hysterikerin zu argumentieren, die er seinen Werber-Freunden stolz ðGestatten, meine Lebensgefährtin Birke Matthau. Sie ist JournalistinÐ vorstellte. Hörte sich an, als priese er ein Masthähnchen an. Güteklasse I. Bodenhaltung. Garantiert salmonellenfrei.
Heroisch focht ich gegen die züngelnde Hydra in mir. Sie hatte schon jetzt sieben Köpfe und ich nur ein Schwert.
»Was ist nun? Sprichst du mit Schmidt-Ecklunds oder nicht?«
»Ich schau mal, ob ich es morgen schaffe.«
Verdis Triumphmarsch begleitete scheppernd die bizarren Comic-Explosionen auf der Stadionleinwand. Gedanklich war Gilbert bereits Teil von La Ola, die jetzt die Ränge des Westfalen-Stadions in Dünung versetzte. Er lupfte kurz das Gesäß von der Couch, bemerkte im selben Moment meinen bohrenden Blick und tat, als hätte er sich nur schnell in eine bequemere Position bringen wollen.
»Okay, okay. Ich mach’s.« Eine schmerzliche Falte im Kinnbereich gesellte sich zu den Gramfurchen um seinen Mund. »Aber erst übermorgen. Da ist Feiertag und du weißt dann auch Genaueres von deinem Monteur.«
»Mein Monteur? Genaueres? Es ist ein Rohrbruch, verdammt! Du kannst es ihm ja auch faxen. Oder mailen, was weiß ich. Wenn du Details willst, die Nummer von Sani-hase liegt neben dem Telefon.«
Ich knallte die Wohnzimmertür hinter mir zu, dass die Glasscheibe zu splittern drohte (»Gaaanz aufwändig renoviert, Frau Matthau, alles Pitchpine und sandgestrahltes Art-déco-Glas«), und verzog mich über die Hühnerleiter auf meine Stange.
»Wer wird deutscher Meister?«, krakeelten die Borussen.
»Nur der BVB!«, intonierte Gilbert schräg.
Wenigstens für einen von uns versprach es ein netter Abend zu werden.