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Birgit Kahle: Fidel C. und die Revolte in meinem Bad
Also, Sie müssen sich das so vorstellen", der Mann im dunkelblauen Overall richtete sich in meiner Duschtasse auf, Sie haben einen Hausdruck von 2,5 Bar. Der Druck, den ich mit meiner Pumpe erzeuge, liegt bei circa sechs bis acht Bar." Ich nickte verständig. Der Overall war ja kleidsam, vor allem das Firmenlogo auf der linken Brusttasche: Ein possierliches Zwergkaninchen mit altklugem Gesichtsausdruck und einer Art Stethoskop dozierte: Sani-hase - wir machen für unsere Kunden die Löffel lang! Tja, und wenn ich den Druck der Pumpe reduziere, fällt Ihr Druck auch sofort rapide ab. Und zwar unter zwei Bar." Aha", nickte ich wieder. Und was heißt das?" Der einzige Druck, den ich seit etwa zweieinhalb Stunden verspürte, war der im Blasenbereich, weil mein Bad und folglich auch das Klo seit Viertel nach sieben blockiert waren. Der Mann von Sani-hase legte die Stirn in besorgte Falten. Der Overall spannte im Gesäßbereich. Kann vorkommen. Für gewöhnlich bin ich da tolerant. Mein kurzsichtiger Blick suchte die nicht unschönen grauen Augen des Klempners, wissend um den Ernst der Lage - und um zu vermeiden, dass Sani-hases bester Monteur hier seine Zeit verschwendete, nur weil ich Über- und Unterdruck nicht auseinander halten konnte. Ja, gute Frau ...", zögerte er. Bin ich, dachte ich. Ehrlich. Wer sonst hätte die vergangenen zweieinhalb Stunden mit vergleichbarer Stoik ertragen? Und Kaffee gereicht. Mit vier Löffeln Zucker. Das sieht nicht gut aus." Flachsbarth, Werner - so stand es in zierlichen Buchstaben auf die rechte Overalltasche gestickt, eindeutig weibliche Heimarbeit - fuhr in einem Tonfall fort, aus dem ich das Wort Rohrbruch bereits grollend herandonnern wähnte. Sie haben wohl ein Leck im Kaltwassersystem. In der Zuleitung, um genau zu sein. Ich habs ja gleich gesagt. Aber bevor ich nicht alle Check-ups gemacht hatte, konnte ich es nicht definitiv dingfest machen." Uups. Ein Herr über Wasser und Worte! Ich war uneingeschränkt beeindruckt. Was Sani-hases bester Monteur an diesem Morgen geleistet hatte, glich einem detektivischen Meisterstück. Nie hätte ich geglaubt, dass Klempner-Sein so viel analytischen Verstand voraussetzt. Im Falle Flachsbarth gepaart mit einer natürlichen Begabung für Pünktlichkeit, Verbindlichkeit gegenüber der Dame des Hauses und dem Willen, ihr detailgetreu die Schritte des Vorankommens zu erläutern. Nicht die machistische Ignoranz eines Automechanikers war mir heute Morgen begegnet (Bitte steigen Sie aus, gnädige Frau. Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen nur Betriebsangehörige rückwärts auf die Grube fahren."); auch nicht die joviale Herablassung eines Herrn Professors, der im Ein-Stunden-Rhythmus Hysterektomien an Privatpatientinnen ausführt, um am nächsten Morgen mit der Wie-gehts-uns-denn-heute-Frage anzudeuten, er wisse exakt, wie es sich anfühlt, keine Gebärmutter zu haben. Nein, Herr Flachsbarth von Sani-hase hatte seine Löffel fürwahr in den Wind des anbrechenden Dienstleistungszeitalters gestellt: Er war um 7.14 Uhr bereits frisch geduscht, geföhnt und makellos rasiert. Seine dezente Ambernote mit einer Ahnung von Moschus begrüßte mich mit einem für meinen Geschmack um diese Tageszeit unangebrachten Optimismus. Der dunkelblaue Overall war unbefleckt (was sich, logisch, im Eifer der Dienstleistung schnell ändern würde), der Werkzeugkoffer schimmerte in elegantem Stahlton, die Pumpe fieberte feuerwehrrot ihrem nächsten Einsatz entgegen. Kurz: Alles an dem Mann strahlte Kompetenz aus. Wo genau das Leck sitzt, können Sie auch schon sagen?", fragte ich bang, aber mit dem Vertrauen einer, die ihren Meister kennt. Wo denken Sie hin!", enttäuschte mich mein Mentor jäh. Sie haben ja selbst gesehen, wie die Kellerdecke aussieht. Schimmelpilzbildung auf sechs Quadratmetern. Das kann überall sitzen in so alten Häusern." Unbeeindruckt von der Apokalypse, die er eben herbeiorakelt hatte, begann mein Monteur den Gummischlauch von seiner Pumpe abzuziehen. Wie, überall? Ich dachte, Sie hätten das Leck bereits, äh, dingfest gemacht?", formulierte ich einfallslos. Der Schlauch widersetzte sich Flachsbarths Rückzugsversuchen. Wohl Druck drauf, dachte ich fahrig bei mir. Und richtig, ich hatte gelernt an diesem Vormittag. Mit lautem Zwosch schnalzte die Gumminut von der Kaltwasserleitung. Eine bräunliche Wasserfontäne ergoss sich in frivolem Bogen auf meine weiße Ikea-Badematte. Ooch", stöhnte Herr Flachsbarth, das tut mir jetzt aber wirklich Leid", und wischte sich die Hände an den dunkelblauen Drillich-Schenkeln ab. Macht nichts", beruhigte ich den geknickten Sanitär-Mann, die kann ich kochen!" Der Raum hatte ohnehin kaum mehr Ähnlichkeit mit dem, was ich gestern Abend noch mein Bad genannt hatte. Das Heizungs- und Sanitärwesen ist nun mal nichts für Leute, die sich nicht die Finger dreckig machen wollen", hatte Herr Flachsbarth bereits um acht Uhr verkündet, just im Begriff, ein fideles Überdruckprüfgerät auf unsere schlaftrunkene Wasserleitung loszulassen. Leider war er dabei abgerutscht, hatte das Gleichgewicht verloren (niedriger Blutdruck", wie er später bei der dritten Tasse Kaffee erklärend anmerkte) und sich im freien Fall gerade noch an meinem Seiden-Kimono fangen können, den ich seit einer Japan-Reise als Bademantel nutzte. Unnötig anzumerken, dass ich den nicht kochen konnte. Wieder einmal war ich das Opfer meiner überstürzten Entscheidungen geworden. Hatte ich Herrn Flachsbarth ausgerechnet in ebenjenem Kimono schlaftrunken die Tür öffnen müssen? Musste sich der Monteur da nicht moschusbrünftig zu der Bemerkung hinreißen lassen: Guten Morgen! Sani-hase. Welch ein entzückender Bademantel!" Nur die Tatsache, dass mein im Kaltstart befindliches Hirn keine plausible Erklärung dafür liefern konnte, warum ein wildfremder Mann im blauen Overall mit Playboy-Emblem mich mitten in der Nacht Hase nannte, ließ mich schnellstens in alte Jeans und Sweatshirt wechseln (nein, nicht schlüpfen, das tun Frauen nur in Werbespots für tropffreie Haartönungen). Ich hatte gewechselt, jawohl: mein Image als Häschen gegen das des Stifts. Ein echtes Eigentor. Wo doch jede weiß, dass eine verhalten präsentierte Nähe zum Dessous bisweilen von Vorteil ist. Hätte Herr Flachsbarth in mir weiter die bekimonote Geisha gesehen statt der androgynen 501-Trägerin, wären mir unzählige Handlangerdienste erspart geblieben. Von morgenfüllenden Einlassungen über Muffen, VP-Ventile und kupferlegierte Mantelrohre ganz zu schweigen. Und mein Seiden-Bademantel wäre weiterhin fettfrei.
Ansonsten war ja eigentlich alles glatt gegangen. Glatt kaputt war auch ein volles Fläschchen Chanel. Dafür roch das Bad jetzt gut. (Ich bin ein echter Nasen-Mensch, wenn es das gibt. Reine Kompensation, meine Theorie. Muss an der Kurzsichtigkeit liegen.) In Sachen Chanel traf Sani-hase keine Schuld. Hätte ich alles am Abend zuvor in Ruhe machen können. (Kind, nimm dir den Dinett, da kannst du alles draufstellen, ihn in ein anderes Zimmer schieben und hinterher schön sauber machen!" - Ja, Mama.") Aber nein, gestern Abend war ein erotischer Spätfilm mit Alec Baldwin dazwischengekommen. Und der Rotwein, mit Gilbert am Hals. Also wurde das Bad erst heute Morgen nach Herrn Flachsbarths pünktlichem Erscheinen entrümpelt, damit meine Armaturen für seine Pumpe zugänglich waren. Während Sani-hases bester Monteur hinter mir nervös mit den Läufen scharrte. Hektik bringt nichts. Sagt Gilbert auch immer.
Herr Flachsbarth war Frauen gegenüber absolut vorurteilsfrei. Das nahm mich auf Anhieb für ihn ein. Kaum war ich für ihn optisch zum Stift mutiert, weihte er mich einen Vormittag lang in die Mysterien des Sanitär-Fachwesens ein. Ich staunte, wie systematisch er sich der Fehlerquelle näherte. Die Umsicht, mit der er das Problem eingrenzte, um es schließlich beherzt beim Schopf zu packen, hatte beinah etwas Sinnliches. Wo unsereins doch immer glaubt, Loch ist Loch und Leck ist Leck!
Zwei Tage zuvor hatte ich bei Sani-hase angerufen und dem Chef laienhaft einen Rohrbruch gemeldet. Vorübergehende Stille am anderen Ende der Leitung. Woher wissen Sie, dass es ein Rohrbruch ist?", fragte mich Herr Hase dann unvermittelt. Na ja, es tropft im Keller von der Decke. In der Waschküche", gab ich zu. Und bereits seit einer Weile breitet sich dort Schimmelpilz aus. Wir haben das im Auftrag des Vermieters erst mal beobachtet, wissen Sie, nicht dass Sie umsonst kommen müssen." So. Aber sagen Sie mal, waren wir denn nicht ... Moment mal, ja, hier hab ich es ... waren wir denn nicht im Oktober erst bei Ihnen und haben einen Schaden an der Mischbatterie gerichtet?" Ja, stimmt. Im Oktober." Und hatten wir da nicht auch in diesem Zusammenhang einen Nässeaustritt im Flurbereich?" Ich bejahte kleinlaut, fügte aber trotzig hinzu: Diesmal ist aber überhaupt nichts feucht im Flurbereich, ich meine in unserer Wohnung. Nur im Keller in der Waschküche, und zwar genau unterhalb der Duschtasse." Wer sagt Ihnen, dass das nicht eine Folge des Mischbatterie-Defekts ist?", inquisitorte Herr Hase. Ich hab geglaubt, du könntest mir das sagen, dachte ich widerborstig und schwieg die Sache aus. Ich glaube, das Beste wird sein, ich schicke Ihnen mal einen meiner Leute vorbei", lenkte der alte Hase ein. Bis dahin stellen Sie erst mal sämtliche Zulaufventile auf null." Mach ich", erwiderte ich beklommen. Wann können Sie denn kommen? Wissen Sie, ich kann eigentlich nur am Vormittag, weil ..." Das kann ich Ihnen wirklich nicht genau sagen. Hier ist mal wieder der Teufel los. Komisch, immer übers Osterfest. Da ist jedes Jahr der Wurm drin. Sozusagen. Wir fahren den Laden hier nur mit Feiertagsbesetzung und haben ein paar echte Notfälle. Vier Rohrbrüche. Die gehen natürlich vor." Ostern. Aha. Wahrscheinlich ist da der Name des Klempners Programm. Selbstverständlich", antwortete ich. Ich wollte ja auch nur wissen, ob Sie das zeitlich in etwa eingrenzen können, damit ich gegebenenfalls bei meiner Nachbarin den Schlüssel hinterlege." Herr Flachsbarth kommt morgen früh um 7.15 Uhr zu Ihnen. Übrigens unser bester Mann." Warum denn nicht gleich so? Ist gut, vielen Dank." Auf Wiederhören." Ach - Herr Hase, sagen Sie, wo sitzen denn die Zulaufventile?" Aber die Leitung war schon tot. Sani-hase widmete sich bereits wieder wirklich ernsthaften Problemen. Woher soll ich das wissen? Warum hast du denn nicht gefragt, wo die Zulaufventile sind?" Gilbert blickte mich entnervt an. Ich kann mich nicht um alles kümmern! Jetzt muss ich wieder überall im Keller rumsuchen, um irgendwas abzudrehen." Übernimm dich nicht!", bemerkte ich gereizt. Und überhaupt: Funktioniert die Klospülung dann eigentlich noch? Hast du danach wenigstens gefragt? Ich kann doch nicht dem ganzen Haus das Scheißen verbieten!" Ich glaube, das sind nur diese beiden Hähne im Bad, hinter dem Klo", machte ich einen halbherzigen Beschwichtigungsversuch. Gilbert hatte mal wieder einen harten Tag in der Agentur gehabt. Irgendein Etatkunde trieb ihn zur Weißglut. Wie eigentlich immer. Aber: Advertising ist schließlich nicht nur Glamour. Das wusste ich aus unseren vier gemeinsamen Jahren zur Genüge.
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