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zé do rock: vom winde ferfeelt
the omas & the opas
Er kam, kam und ging. Lange Zeit blieb sie an der Türschwelle stehen, die Augen dorthin gerichtet, wo die Straße eine Kurve macht und ins litauische Hinterland verschwindet. 9 Monate später erkannte sie, daß er etwas bei ihr gelassen hatte. Das kleine Wesen wurde eines Tages ein großer Mann, der heiratete und viele kleine Wesen zeugte, darunter meinen Urgroßvater. Auch dieser zeugte ein paar Kinder und wurde dann bekehrt. Vorher war er Katholik, danach gläubiger Baptist. Ohne auf Vorteile und moralische Vorzüge dieser Entscheidung einzugehen, muß gesagt werden, daß dies mein Leben ziemlich verändert hat. Mein Urgroßvater wäre sonst nie auf den Gedanken gekommen, in einem winzigen Nest im Süden Brasiliens eine Stelle als Pastor anzunehmen, sich in einem kleinen Städtchen mit quadratischen Gärten und neogotischer Kirche niederzulassen und das Evangelium zu predigen. Wenn er in Litauen geblieben wäre, wäre ich nicht geboren worden. Aber wenn ich dort geboren worden wäre, würde ich jetzt in der Schlange vor dem Brotladen auf die Russen schimpfen. In Brasilien kann man das auch tun, aber es nützt nicht viel. Die Russen können sehr wenig dafür, daß es den Brasilianern schlecht geht. In Brasilien zeugte er weiter viele Kinder, eines davon war mein Großvater. Auch der wurde groß und heiratete. Meine Großmutter war wie mein Großvater ein bißchen langsam, was vielleicht daran lag, daß ich die beiden erst kennenlernte, als sie schon 80 waren. Die Oma war zwar Brasilianerin, konnte aber bestenfalls danke schön auf brasilianisch sagen. Ihr Mädchenname war Schmidtke, ein sehr beliebter Indianername. Da meine Großeltern streng religiös waren, wurde auf dem Bauernhof weder gesoffen noch geraucht. Angebaut wurde hauptsächlich Tabak. In diesem Milieu wuchs mein Vater auf. Von der Familie meiner Mutter weiß ich wenig: Ihre Vorfahren kamen aus Rußland, der Urgroßvater wurde erstochen, der Vater meiner Mutter starb eines natürlichen alkoholischen Todes, ein Onkel erschoß sich als 6jähriger beim Spielen mit einer Pistole, und einen anderen erwischte es auf der Jagd (angeblich hat sein Freund ihn mit einem Hirsch verwechselt). Am Anfang der Menschheit gab es eine sehr einfache Sprache: iiiii! bedeutete Gefahr, ooooo! Bewunderung, bäää-bäää! "das Lamm schmeckt scheußlich", aaaaa? "wie wärs mit uns beiden?" und a-a! "nein". Die Sprecher mehrten sich und mit ihnen die Sprachen. Sie wuchsen zu sehr komplexen Gebilden mit vielen tausend Wörtern, abstrakten Begriffen und Regeln. Seit einigen Jahrhunderten aber zeigen die Sprachen wieder eine Neigung zur Vereinfachung - zumindest grammatisch und phonetisch. Beugungen fallen und Wörter schrumpfen. Soll das bedeuten, daß die Menschen dümmer werden und bald wieder auf die Bäume klettern? Eher unwahrscheinlich, da es sowieso nicht mehr lange dauert, bis es keine Bäume mehr gibt. Nur bei der deutschen Sprache bin ich mir über die Tendenz zur Vereinfachung nicht sicher. In alten Texten bin ich vielfach auf Formen gestoßen, die schlichter waren. Nicht nur, daß im Neuhochdeutschen öfter aus einem Laut 2 und den Wörtern Konsonanten hinzugefügt wurden, vor allem Rechtschreibung und Zeichensetzung sind komplizierter geworden. Das mag daran liegen, daß dabei vor allem Schreiber und Setzer das Sagen hatten. Vielleicht war deren Logik: je mehr zu schreiben, desto mehr zu verdienen. Also haben sie die Wörter so lang wie möglich geschrieben. Und ich könnte mir vorstellen, daß sie die vielen Schikanen erfunden haben, um sicher zu sein, daß sie, die Schreiber, unentbehrlich bleiben. Daß die deutsche Sprache schwierig ist, weiß man sowohl in Deutschland wie im Ausland. Wenn ich mich aber bei meinen deutschen Freunden beschwere, ist deren Antwort meist, daß andere Sprachen wie Französisch oder Italienisch auch nicht einfach seien. Das stimmt. Jede Sprache hat ihre eigenen Tücken. Die eine hat eine unverständliche Rechtschreibung, die andere eine umfangreiche Grammatik, die nächste eine eigenartige Schrift oder eine zungenbrecherische Aussprache. Manche bereiten in mehreren Richtungen Probleme. Was Deutsch von diesen Sprachen unterscheidet, ist, daß es alle Probleme aufweist: einen absurden Satzbau, eine uneinheitliche Rechtschreibung (Zuk-ker statt Zuc-ker oder Zu-cker, Pappolizist statt Papppolizist, Großschreibung für die Hauptwörter und sparen aber fahren, los aber Moos, Form aber vorn), eine ausufernde Grammatik (Konjugationen, Deklinationen, über 10 Mehrzahlendungen) und eine unnachahmliche Aussprache (Silben mit 10 Buchstaben wie du schleichst, du schluchzst, Konsonantenanhäufungen wie Lachsschlemmer). Die Standardantwort auf meine Klagen lautet, daß Deutsch dafür präzise sei. Das kann ich leider nicht bestätigen. Die Sprache ist sehr ausdrucksreich, was sie aber nicht ihrer geballten Menge Komplikationen, sondern ihrem Wortschatz und der Freiheit, Wörter zu kombinieren, verdankt. Eigentlich ist sie die chaotischste Sprache, die ich kenne. Den alltäglichen Satz "die Frau, die das Mädchen sah, war blond" versteht man nur, weil solche Sätze selten allein stehen. Die falsche Interpretation ("die Frau sah das Mädchen" oder "das Mädchen sah die Frau") erreicht nicht das Bewußtsein. Wenn es keinen Kontext gibt, wie auf dem Plakat Frauen Zeichnen, wird es restlos uneindeutig. Zeichnen jetzt die Frauen, oder werden sie gezeichnet? Ganz egal, ob diese Bezugsfehler systemimmanent oder Fehler der Schreiber sind: eine Sprache, bei der man jeden Satz 3 mal nachprüfen muß, ob er nicht zweideutig ist, kann nicht als präzise gelten. Aber ich beschäftige mich hier nicht mit der Sprache, die man benutzen sollte, sondern mit der Sprache, die man benutzt.
Genesis
Meine Mutter und mein Vater trafen sich, als sie 20 Jahre alt waren. Um auf Nummer Sicher zu gehen, schrieben sie sich in den folgenden 10 Jahren Briefe. Dann gab es eine Hochzeit. Bald kam der erste Sohn, der sehr lebhaft war. Im Gegensatz zu ihm war der zweite leblos. Er hat schon bei der Geburt schlappgemacht. Und dann, in einer kalten Vollmondwinternacht im Jahr 1956, erblickte ich das Licht des Krankenhauszimmers. Und mein Vater sah, daß es gut war. Er ruhte aus und schuf dabei mit meiner Mutter noch ein Weib, damit ich nicht alleine blieb, denn mein Bruder spielte immer auswärts.
Es gibt einen Aspekt der deutschen Sprache, der sicher reformiert werden könnte: die Rechtschreibung. Eine internationale Expertenkommission hat in den 80er Jahren Vorschläge für eine solche Reform veröffentlicht. Dagegen erhob sich ein solcher Entrüstungssturm, daß jetzt nur eine sehr gemilderte Version vorliegt. Warum ist bisher so wenig daraus geworden? Erstens gibt es die Sprachkonservativen, die gegen jede Änderung sind. Zweitens ist der Anteil der Reformgegner in einer Expertenrunde größer als in der Bevölkerung im allgemeinen, weil Experten selten Schwierigkeiten mit der Orthographie haben. Drittens spielt der Egoismus eine Rolle, nach dem Motto: Ich habe mich damit abgeplagt, und nun soll dieses Wissen null und nichtig sein? Viertens liegt es an den Reformen: Wenn man 4 Seiten braucht, um die Kommaregeln zu erklären, und sie dann so reduziert, daß man nur noch 3 Seiten braucht, ist das zuallererst eine sehr komplizierte Vereinfachung. Die meisten Menschen kennen diese 4 Seiten Regeln nicht (in der Regel keine einzige), aber sie haben gelernt, mit ihnen instinktiv umzugehen. Für das erste und zweite Problem heißt die Lösung Volksabstimmung oder Umfrage. Das vierte Problem kann gelöst werden, indem man die 4 Seiten Regeln auf null oder ein lernbares Minimum reduziert. So kann jeder weiter schreiben wie bisher, aber er macht keine Fehler. Nur das dritte Problem, den Egoismus der Menschen, kann man nicht abschaffen. So will auch ich meinen Senf dazu geben. Meine Version ist radikaler, und ich nenne sie "Ultradeutsch". Da ein komplettes "Änderungspaket" große Anstrengung erfordert, werde ich 2 Änderungen pro Jahr durchführen. Das ist für jedermann leicht zu verdauen, und am Jahresende ist man an die neue Regelung so gewöhnt, daß die alte schon vergessen ist. Nur im letzten Kapitel wird alles nach dem vorgeschlagenen 95er Stand geschrieben, damit man sieht, wie wenig sich in einem Jahr ändert. Da ich mir aber nicht vorstellen kann, daß von offizieller Seite vernünftige Reformen durchgeführt werden, kann ich nur zum zivilen Ungehorsam aufrufen: Diejenigen, die Ultradeutsch sinnvoll finden, sollen es schreiben - anfänglich keine große Veränderung: freie Groß-/kleinschreibung, umgangssprachliche Formen (es is nix mehr da). Um nicht als Legastheniker zu gelten, kann man es auch ankündigen: achtung: ultradeutsch! Ich kann nichts dagegen machen, wenn jemand gegen jedwede Rechtschreibreform ist oder manche meiner Vorschläge einfach nicht mag. Ich höre aber oft Gegenargumente, auf die ich im Kapitel "an germanisten und empörte" auf Seite 213 gerne eingehen möchte. Die deutsche Schriftsprache ist schön, ich benutze sie aber nicht. Erstens weil ich gar nicht anders kann, zweitens weil ich mich mit der Sprechsprache besser fühle, und drittens bin ich einer der wenigen Menschen auf dieser Welt, die beim Schreiben Geld verdienen: Ich schreibe dieses Buch beim Taxifahren. Das hat Vorteile (Geld von den Fahrgästen), aber auch Nachteile, vor allem in bezug auf die Konzentration: Der grausame Straßen-, der nervende Funkverkehr und besoffene Fahrgäste, die auf einen Streit scharf sind, nicht wissen, wo sie wohnen, oder in meinem Taxi ins Koma fallen, können mich nicht inspirieren. Am Anfang werden die Rundherum-Schikanen wie Zeichensetzung und Silbentrennung behandelt, danach die Buchstaben selbst - zuerst die dringenden, dann die weniger dringenden Fälle. Wie auch immer: Da es sehr langweilig ist, ein Buch nur über Sprache zu schreiben und erst recht zu lesen, kriegst du meine Autobiographie im Doppelpack. Please fasten your seat belt and have a good trip.
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