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Ich band mir den Schlauch mit einem Seil am Hals fest; mein Freund hatte ihn mit einem Stück Jute so präpariert, daß ich darauf sitzen konnte. In einen Beutel, gleichfalls aus Jute, hatte er die Flasche Schnaps und die Büchse schwarze Bohnen gesteckt. Ich verstaute das alles auf dem Boden des Schlauchs und ließ mich ins Wasser gleiten. Ich mußte von demselben Strand fliehen, an dem ich die schönsten Jahre meiner Jugend verbracht hatte. Je weiter ich mich von der Küste entfernte, desto heftiger wurde die See; es war der stürmische Wellengang, der im November den nahen Winter ankündigt. Ich schwamm die ganze Nacht aufs Meer hinaus, kam wegen der Wellen aber nur langsam voran. Nach fünf oder sechs Kilometern wurde mir klar, daß es schwierig sein würde, je irgendwo anzukommen. Auf hoher See merkte ich, daß ich nichts hatte, womit ich die Flasche öffnen konnte, und meine Beine und Gelenke waren schon fast steifgefroren. Plötzlich tauchte in der Dunkelheit ein Schiff auf und kam direkt auf mich zu. Ich sprang ins Wasser und versteckte mich unter dem Schlauch. Etwa zwanzig Meter vor mir machte das Schiff halt und fuhr einen riesigen Greifarm aus, der wie eine gigantische Krebsschere aussah und im Wasser versank. Offenbar war es ein Baggerschiff, das versuchte, dort Sand zu baggern; ich hörte Stimmen und Lachen; man sah mich aber nicht. Ich begriff, daß ich nicht weiterkonnte; in der Ferne sah ich eine Kette von Lichtern; das waren die Boote der Küstenwache, Fischerkähne oder weitere Schwimmbagger, die am Horizont fast eine Mauer bildeten. Der Wellengang wurde immer stärker. Ich mußte versuchen, umzukehren. Ich weiß noch, wie unter mir etwas glänzte und ich Angst bekam, ein Hai könnte meine Beine fressen, die ich natürlich sofort aus dem Wasser zog. Kurz vor Sonnenaufgang wurde mir klar, daß mein Plan absurd war, daß der Schlauch nur eine Behinderung war, daß ich eher allein in die Vereinigten Staaten schwimmen konnte als mit diesem Ding, ohne Paddel und ohne Kompaß. Ich band mir den Beutel mit der Flasche Rum und der Büchse Bohnen um die Hüften, ließ den Schlauch auf dem Meer zurück und schwamm mehr als drei Stunden in Richtung Küste. Ich war fast gelähmt, und meine größte Befürchtung war, einen Muskelkrampf zu bekommen und zu ertrinken. Ich erreichte die Küste von Jaimanitas und entdeckte ein paar leerstehende Gebäude; in eins ging ich hinein. Noch nie war mir so bitter kalt gewesen, noch nie hatte ich mich so einsam gefühlt. Ich war gescheitert, und jeden Moment konnte ich festgenommen werden. Es blieb mir nur eine Möglichkeit der Flucht: der Selbstmord; ich zerschlug die Rumflasche, und mit den Scherben schnitt ich mir die Pulsadern auf. Natürlich glaubte ich, das wäre das Ende, ich kauerte mich in eine Ecke des Hauses und verlor langsam das Bewußtsein. Ich dachte, das ist der Tod. Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr erwachte ich; ich glaubte, ich wäre in einer anderen Welt. Doch es war immer noch der Ort, an dem ich vergeblich versucht hatte, mir das Leben zu nehmen. Offenbar hatte ich ziemlich viel Blut verloren, aber irgendwann hatte das Bluten aufgehört. Mit den Scherben machte ich die Büchse Bohnen auf und kam wieder ein bißchen zu Kräften. Dann wusch ich im Meer die Wunden aus. Ganz in der Nähe war der Schlauch angespült worden. Ich lief ziellos am Strand herum und stieß bald auf eine Gruppe kahlgeschorener Männer, die ausgestreckt auf der Erde lagen. Sie sahen mich etwas erstaunt an, sagten aber nichts. Mir wurde klar, daß es sich um Gefangene handelte, die in einem Lager in Flores zur Zwangsarbeit verurteilt waren. Barfuß und mit zerschnittenen Armen ging ich an ihnen vorbei; sie ahnten bestimmt, daß ich nicht zum Baden dort war. Ich lief weiter bis La Concha, um mir das Geld zu holen, das ich unter den Steinen versteckt hatte. Als ich auf die Stelle zuging, wo es liegen mußte, rief jemand meinen Namen; es war mein schwarzer Freund, der mich zu sich winkte. Ich erzählte ihm schnell, was alles passiert war, und er sagte mir, wir könnten immer noch sofort nach Guantánamo fahren; er stammte aus Guantánamo und kannte sich dort aus. Wir lagen unter ein paar Pinien, und er zeichnete mir das ganze Gebiet von Caimanera in den Sand und erklärte mir, wie ich es anstellen könnte, zum us-Marinestützpunkt zu kommen. Das Wichtigste war jetzt, etwas zum Anziehen aufzutreiben. Ich traf einen Vetter von mir und sagte ihm, ich bräuchte Kleidung. Er erzählte mir, daß die Polizei mich überall suchte. Es war unglaublich, wie dämlich die sich anstellten: sie suchten mich überall dort, wo ich gewesen war. Mein Vetter sagte, er würde versuchen, mir Sachen zu bringen. Er ließ das Mädchen, mit dem er zusammen war, bei mir und kam kurz darauf mit einer kompletten Garnitur zurück. Das war eine großzügige Geste, für die er mir gegenüber eigentlich keinen Grund hatte und die mich überraschte. Ich zog mich schnell an und ging mit meinem schwarzen Freund zu ihm nach Hause, das war in Santos Suárez. Es war ein riesiges Haus voller Schränke. Der Schwarze schnitt mir die Haare und verwandelte mich so in einen anderen Menschen. Als ich in den Spiegel sah, bekam ich wirklich einen Schreck. Meine langen Haare waren ab, ich hatte jetzt stoppelkurze Haare mit einem Mittelscheitel. Auch das Hemd, das mir mein Vetter gegeben hatte, verschwand, und er gab mir ein einfacheres. Nur so könnte ich es, wie er sagte, bis nach Guantánamo schaffen, ohne festgenommen zu werden. Mit dem Geld, das ich noch hatte, und ein paar Scheinen, die ihm seine Großmutter gab, gingen wir zum Bahnhof. Es war nicht leicht, eine Fahrkarte nach Santiago de Cuba oder Guantánamo zu bekommen, weil man immer lange Zeit im voraus reservieren mußte. Doch er überredete den Mann am Schalter mit einem Trinkgeld. Da saß ich plötzlich wieder in einem dieser langsamen und stickigen Züge nach Santiago de Cuba. Der Schwarze freundete sich gleich mit allen Leuten auf der Bank an, wo wir saßen; er hatte eine Flasche Rum gekauft und fing an zu trinken. Bei einer Gelegenheit sagte er mir, man käme am besten unbemerkt durch, wenn man sich mit aller Welt anfreundete. Während der ganzen Fahrt, die drei Tage dauerte, trank er Rum, lud die anderen ein, lachte und machte Witze. Sofort schloß er Freundschaft mit anderen Schwarzen, von denen einige wirklich sehr schön waren. Ich wäre am liebsten in einem Hotel abgestiegen, um mit dem Schwarzen ins Bett zu gehen, so wie im Monte Barreto; in Momenten der Gefahr habe ich immer das Bedürfnis gehabt, jemanden an meiner Seite zu haben. Der Schwarze sagte mir, es sei sehr schwer, in Santiago ein Hotel zu bekommen, aber in Guantánamo ließe sich vielleicht etwas machen. In Santiago mußten wir den Bus nach Guantánamo nehmen. Vorher aßen wir noch ein paar Himmelskroketten, wie in Kuba diese Kroketten genannt wurden, die es in den Cafés gab, weil sie die Eigenart hatten, oben am Gaumen festzukleben, und da kriegte man sie nicht wieder ab. Wir kamen in Guantánamo an, einem Kaff, das einen noch entsetzlicheren, noch langweiligeren und provinzielleren Eindruck machte als Holguín. Der Schwarze führte mich zu einem Mietshaus, wo eine ziemlich kriminelle Atmosphäre herrschte. Dort sagte er mir, ich solle alle meine Sachen ausziehen; er hatte mir andere, noch unauffälligere besorgt, und er bat mich, ihm mein ganzes Geld dazulassen; wenn ich das Territorium der Vereinigten Staaten erreichte, wäre es sinnlos, kubanisches Geld dabeizuhaben. Das gefiel mir ganz und gar nicht, aber was blieb mir anderes übrig. Er brachte mich zum Bahnhof, wo der Bus nach Caimanera abfuhr, wollte selber aber nicht mitkommen; er hatte mir bereits alle erforderlichen Instruktionen gegeben: am ersten Kontrollpunkt aussteigen, nach rechts zum Fluß abbiegen, immer am Ufer entlanglaufen, bis die Lichter zu sehen waren, dann im Gebüsch die Nacht abwarten, durch den Fluß schwimmen und am anderen Ufer weitergehen bis zur Küste, mich den Tag über dort verstecken und in der Nacht darauf ins Wasser springen und zum Marinestützpunkt hinüberschwimmen. Es fiel mir nicht schwer, im Bus nicht aufzufallen; der Schwarze hatte gut daran getan, mich derart zu verkleiden. Nachdem ich ausgestiegen war, kroch ich stundenlang am Boden, damit man mich nicht sah. Als ich mich um Mitternacht durch das Dickicht kämpfte, scheuchte ich Wachteln und andere Vögel auf. Ich kroch weiter. Plötzlich hörte ich ein Rauschen; es war der Fluß. Beim Anblick seines Wassers verspürte ich eine unendliche Freude; mein Freund hatte mich nicht belogen, dort war der Fluß. Ich lief das ganze Ufer entlang; die Gegend war ein einziger Sumpf; in der Hand hatte ich ein Stück Brot, das ich, wie mir der Schwarze geraten hatte, aufheben wollte, bis ich mich ins Wasser stürzte. Bei Tagesanbruch sah ich endlich die Lichter des Flugplatzes; es war wie ein Fest. Die Lichter gingen an und aus, als riefen sie mich. Es war der Moment, ins Wasser zu springen. Auf der ganzen Strecke am Flußufer entlang begleitete mich ein Geräusch, das sich wie ein Schnalzen anhörte. Ich weiß nicht warum, aber es kam mir vor, als sagte mir der Mond, ich sollte nicht in dieses Wasser steigen. Ich lief weiter bis an eine Stelle, wo ich dieses Schnalzen nicht mehr hörte, und wollte dort in den Fluß springen. In diesem Moment leuchteten im Dickicht merkwürdige grüne Lichter auf; sie waren wie Blitze, kamen aber nicht vom Himmel, sondern blinkten an der Erde, zwischen den Baumstämmen. Ich kämpfte mich weiter vorwärts, und die grünen Lichter blinkten weiter. Kurz darauf ratterte ein Maschinengewehr los, die Kugeln pfiffen haarscharf an mir vorbei. Später erfuhr ich, daß die grünen Lichter ein Signal waren; hatten sie Infrarotstrahlen? Man hatte bemerkt, daß jemand über die Grenze wollte, und versuchte, ihn zu lokalisieren und, keine Frage, zu vernichten. Ich rannte los und kletterte auf einen dichtbelaubten Baum, immer an den Stamm geklammert, so hoch es ging. Autos voller Soldaten und Hunde brausten los und machten sich auf die Suche nach mir; die ganze Nacht suchten sie mich in der Nähe der Stelle, wo ich mich befand. Schließlich zogen sie wieder ab. Ich blieb die ganze Nacht auf dem Baum und auch den folgenden Tag noch. Es war schwierig, dort runterzusteigen, ohne gesehen zu werden, zumal in diesem Abschnitt Alarm gegeben worden war. Als es wieder dunkel wurde, kletterte ich vom Baum; ich war erschöpft und mußte alle meine Kräfte zusammennehmen, um nach Guantánamo zurückzukehren und mir zu überlegen, wie ich auf einer anderen, vielleicht weniger gefährlichen Route zum Marinestützpunkt durchkommen konnte. Ich schleppte mich durch den Morast, und kurz vor der Landstraße schlief ich im Laub ein. Am nächsten Morgen säuberte ich, so gut es ging, meine Sachen und mein Gesicht, lief zum Kontrollpunkt Nummer Eins zurück und nahm den Bus nach Guantánamo. Als ich dort ankam, wußte ich nicht, wo ich meinen schwarzen Freund suchen sollte, und ich irrte durch die Straßen, was in meiner Lage äußerst gefährlich war. Ich hatte kein Geld. Auf dem Bahnhof von Guantánamo traf ich den Schwarzen. Er sah mich erschrocken an; offenbar hatte er gedacht, ich wäre längst tot oder auf der Marinebasis. Er sagte mir, ein neuer Versuch sei jetzt unmöglich, diese Stelle sei die beste gewesen, seine Freunde hätten ihm gesagt, jetzt würde alles noch viel stärker überwacht. Alles in allem hätte ich großes Glück gehabt, denn die Kästen am Boden, von denen ich ihm erzählte, waren Minen; wenn ich draufgetreten wäre, hätten sie mich zerrissen. Doch ich gab mich nicht geschlagen; umkehren hätte bedeutet, daß ich gescheitert war. Ich wagte einen neuen Versuch; jetzt war die Überwachung noch perfekter, aber ich hatte nichts zu verlieren. Es war absurd gewesen, auf den Mond zu hören. Bei diesem zweiten Mal stieg ich ins Wasser, und im Mondlicht konnte ich erkennen, woher dieses Schnalzen kam: im Fluß wimmelte es von Alligatoren; noch nie hatte ich so viele unheimliche Tiere auf so engem Raum gesehen. Sie warteten dort, um mich zu fressen. Ich konnte unmöglich durch den Fluß. Wieder kehrte ich nach Guantánamo zurück, von oben bis unten voll Schlamm. Bestimmt dachte der Busfahrer, ich wäre neu bei der Küstenwache, und die Staatssicherheit hätte mich dorthin versetzt. Ich irrte drei Tage, ohne etwas zu essen, durch Guantánamo. Ich hatte nicht einen Centavo in der Tasche und übernachtete auf dem Bahnhof. Den Schwarzen habe ich nie wiedergesehen. Auf dem Bahnhof bändelte ich mit ein paar Jungs an, die als blinde Passagiere nach Havanna fahren wollten. Sie erklärten mir, man bräuchte sich nur jedesmal, wenn der Schaffner durchkam, auf dem Klo einzuschließen; ich hatte gar keine andere Wahl und entschied mich, genau so zu reisen.
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